Kai muss drin bleiben! Der war doch viel besser als Céline! Deshalb schnell eine SMS schicken, und Kai ist wieder unter den ersten Fünf. Auch wenn es schon die zwanzigste SMS war, wie einem dann auffällt.

Solche Szenen haben sich wohl wohl viele abgespielt am Donnerstagabend beim Betrachten der ersten Runde der ARD/ Pro7-Casting-Show „Unser Star für Baku“. Im Mittelpunkt der Sendung steht nicht mehr der Kandidat, sondern die sogenannte Blitztabelle, das neue Abstimmungsverfahren in Deutschlands Auslese für den kommenden Eurovision Song Contest.

Für alle, die nicht dabei waren: Während der gesamten Sendung, selbst in den Werbepausen, sieht man entweder am linken oder am unteren Bildrand die momentane Platzierung der Teilnehmer – errechnet durch das permanente Televoting der Zuschauer.

Das macht die Sendung deutlich spannender, als stünde man am Rande einer Aschenbahn und ein 100-Meter-Lauf nach dem anderen ziehe vorbei. Das war’s dann aber auch, der Rest ist perfide und gemein. Gleich zu Beginn, als sich die einzelnen Kandidaten mit Alter, Wohnort und Namen vorstellen, beginnt bereits die Abstimmung, und man kann sich ausrechnen, ob die eine gleich auf Platz 1 schnellt, weil ihr Ausschnitt freizügiger ist als bei der Konkurrentin. Die Optik zählt, und wer nicht gefällt, landet umgehend auf dem letzten Platz und muss als Erster singen. Was für ermutigende Voraussetzungen für all die jungen Leute, die fast ausnahmslos zum ersten Mal vor einer Fernsehkamera stehen!

Und dann wird gesungen, performt. Ob sich eine Stimme dramatisch hebt oder ein Tanzschritt deutlich forscher wird, jede Nuance lässt sich sofort am Ranking ablesen. Das hat gravierende Nachteile: Man haftet mit den Augen viel mehr am linken Bildrand, als dass man den jungen Talenten bei ihrer Arbeit zuschauen würde. Genauso geht es dem Saalpublikum, Jubel und Beifall beziehen sich eher auf die sekündlich wechselnde Notierung als auf den eigentlichen Auftritt. Selbst die Juroren sind ganz im neuen System gefangen und übertönen sich kurz vor Abstimmungsschluss gegenseitig, als sie marktschreierisch die Zuschauer auffordern, doch noch einmal schnell für ihre Juroren-Favoriten abzustimmen.

Der Job überfordert Thomas D

Auch wegen solch hysterischer Parteilichkeit lässt sich über die drei Showbegleiter nur Schlechtes sagen. Thomas D, eigentlich Teil von Deutschlands erfolgreichster HipHop-Gruppe „Die Fantastischen Vier“, mimt den neuen Jury-Präsidenten. Schnell wird aber klar, dieser Job überfordert ihn. Deshalb hat man ihm wohlweislich in letzter Sekunde Altmeister Stefan Raab wieder an die Seite gestellt, obwohl der vollmundig versprochen hatte, sich gänzlich aus dem ESC-Geschäft zurückzuziehen. Jetzt sitzt er in gewohnter Manier mit dabei und verplappert sich an einer Stelle sogar, als er sich bei Thomas D dafür bedankt, dass der ihm zur Seite stehe.

Zwischen den beiden Männern sitzt die junge Alina Süggeler, kurzgeschorene Sängerin der Deutschpop-Band Frida Gold. Sie ist für die gefühligen Anmerkungen zuständig, und ihre Kommentierungen schwanken zwischen „energetisch“ und „bezaubernd“.

Das sind die drei Stichwortgeber für die insgesamt acht Shows der Casting-Staffel, ein Jurorenwechsel von Sendung zu Sendung wie in den vergangenen Jahren ist nicht vorgesehen. Schade, die Kommentare der Drei sind keinerlei Zuschauerhilfe, können aber gnadenlos blöd sein, wenn sie – ganz begeistert von einem Gag, der eher bei Dieter Bohlen seinen Platz hätte – unisono einem Kandidaten bescheinigen, er habe wahrlich „keine Eier“ in der Hose.

Die Gelddruckmaschine

Doch all diese Einwände verblassen beim Blick auf den Kern der Show mit dem neuen Abstimmungsverfahren: Hier geht’s ums Geld! Bei einem Tarif von 50 Cent pro SMS und Anruf aus dem Festnetz und „mehr“ – ohne anzusagen wie viel mehr – beim Anruf mit dem Handy lässt sich erahnen, dass ARD und Pro7 hier eine neue Gelddruckmaschine erfunden haben. Der Erfolg der Sendung wird sich nicht mehr nach der Zuschauerbeteiligung sondern nach dem Voting-Profit berechnen.

Dadurch, dass der Zuschauer seinen Blick nicht mehr von der Platzierungstabelle lassen kann, gerät er in einen Sog und lässt seine Finger am Telefon oder Handy. Dass da vorher noch niemand darauf gekommen ist, lobte Stefan Raab vorher diese Erfindung, angeblich ist es seine. Es lässt sich jetzt schon vorausahnen, dass alle anderen Casting- und sonstigen Shows mit Zuschauerbeteiligung bald auch zu dieser neuen Waffe der schnellen Geldbeschaffung greifen werden. Dem Zuschauer wird eine interaktive Sendebeteiligung versprochen, dabei geht es ausschließlich um seine steigende Telefonrechnung.

Das also erwartet uns künftig in Casting-Shows: Kaum noch Interesse für das, was auf der Bühne passiert, dafür ein starrer Blick auf die Blitztabelle und die Finger im ständigen Einsatz auf den Telefontasten. Hatte uns Stefan Raab bisher beigebracht, dass sich in seinen Nachwuchsshows alles um musikalisches Talent dreht statt um künstliches Drama und billige Showeffekte, so werden wir durch die vordergründige, aber teure Spannung umdenken müssen.

Das ist am Donnerstagabend offenbar auch Thomas D klargeworden. „Den Herzinfarkt oder den Hirnschlag, den ich erleben werde während dieser Sendung, habe ich deinem Voting-Sytem zu verdanken“, sagte der Jury-Präsident sichtlich mitgenommen am Ende der fast dreistündigen Live-Show in die Richtung von Stefan Raab.