Henry Hübchen ist wieder da! Und das in ungefähr sechzehnfacher Ausfertigung. Er besetzt fast allein die gesamte erste Stuhlreihe bei der Premiere von Henrik Ibsens „Baumeister Solneß“ in der Volksbühne. Hübchen, mit Silberhaar und sonnenbraunem Gesicht, wirbelt über die Bert-Neumann-Bungalow-Bühne, klatscht gegen die getäfelten Wände, rutscht unter den Designer-Sessel, beißt in den drehbaren Raumteiler, er verkriecht sich im Hängeelement der Einbauküche, verpisst sich durch den Besenschrank. Kochendes Wasser wird ihm in den Schritt gegossen, er lässt sich von den Kollegen tief in den Hosenschlitz greifen, es ist die Rede von seinem asymmetrischen, erschlafften Hodengewebe, von seiner Erektionsangst.

Sechs oder sieben Mal versucht er sich auf das Dach des Bungalows zu katapultieren, haut sich Schädel und Glieder am Gestänge an, schlägt unten krachend wieder auf, verliert seinen Schuh, seine Hosen. Wie in besten Slapstickzeiten, als Hübchen ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit das Kunststoffmobiliar ganzer Kleingartenkolonien zertrümmerte. Hier aber geht der Spaß noch weiter: Die Kollegen malträtieren den Unerreichten, skalpieren ihn, reißen ihm die Beine ab, treten dem am Boden liegenden ins Gesicht, in den Bauch, ins Kreuz, pfeffern ihn durch die Gegend, schichten ihn zu einem Henry-Hübchen-Haufen. Und so weiter und so fort.

Mit prachtvoller Zahnarzt-Gesichtsbräune

Beim Verbeugen bedeckt ein Teppich aus zerpflückten, zerschundenen Hübchen-Puppen-Kadavern die Bühne. Sie winden sich, bäumen sich auf, als die teilweise sehr üppig beleibten, teilweise sehr spitz- und sehr hochhackig beschuhten Kollegen zur Rampe schreiten um den huldigenden Jubel einzukassieren. Wer sich ebenfalls verbeugt, mit nicht ganz so leuchtend weißem Haar, aber prachtvoller Zahnarzt-Gesichtsbräune ist Henry Hübchens alt-verhasster Freund Frank Castorf. Mit ihm zusammen hat Hübchen in den ruhmreichen Zeiten um die Jahrtausendwende den Berliner Theaterpreis erhalten, dotiert noch in DM, überreicht noch von Eberhard Diepgen. Hübchen räumte wenig später seinen Platz, aber Volksbühnenintendant Frank Castorf dachte bisher gar nicht dran. Er ist immer noch da. Allerdings steht er am Ende seiner vorletzten Saison, 2016 endet sein Vertrag. Dann wird er ja auch 65 Jahre alt sein und seine Rente mit gelegentlichen Gastinszenierungen in München, Zürich, Wien oder Havanna aufbessern. Oder? Kann es nicht einfach immer weiter gehen?

Um Castorf, fast nur um ihn, geht es in seiner Inszenierung von Ibsens Spätdrama, in dem es eigentlich um niemand anderem als Ibsen geht, auch wenn es von einem Baumeister namens Halvard Solneß handelt. Halvard ist (wie Ibsen, wie Castorf) auf dem Gipfel seiner Karriere, vielleicht auch schon ein Stückchen weiter. Den Konkurrenten Knut Brovik hat er niedergetreten und zum Assistenten gemacht, von dem droht insofern keine Gefahr mehr, als dass er stirbt. Weil nun aber irgendwer die Arbeit machen muss, bindet Halvar Knuts begabten Sohn Ragnar an sich, indem er dessen Verlobte Kaja als Buchhalterin anstellt und mit ihr, die ihn anhimmelt, ein Liebesverhältnis pflegt: Wenn Ragnar bei Kaja sein will, muss er bei Halvar bleiben und kann keine eigene Karriere machen. Zu erwähnen bleibt, dass Kaja jung ist im Gegensatz zu Halvars depressiver Gattin Aline. Alles ist also halbwegs im Gleichgewicht, allerdings: die Zeit läuft. Gegen Halvar.

In diese bröckelige Situation kommt die blühende Hilde Wangel, um ihr Königreich einzufordern. Halvar hatte es der damals Dreizehnjährigen versprochen, kurz nachdem er sie geküsst und kurz bevor er sie wieder vergessen hatte. Das ist nun zehn Jahre her. Hilde vergötterte Halvar, der da unerreicht vom Kirchturm herabwinkte − und jagt nun den höhenschwindlig gewordenen Höhenschwindler wieder auf einen Turm. Er stürzt und zerschmettert.

Dieses Abstürzen aus dünnster Höhe und dieses Scheitern an der eigenen Maßlosigkeit ist nun schon seit ungefähr zehn Jahren, also spätestens seit Hübchens Weggang, Castorfs Privatspielplan: Sein Theater ist Ermüdung, Wut, Trotz, Hass, Zerknirschung, Häme, Angriff, Not, Sex, Kunst, Alberei, Leben und manchmal Politik. Sein Theater hat keine Reserve und geht dennoch immer weiter. Manchmal denkt man − Castorf weiß es − sein Theater ist das einzige. Berlin ist geduldiger und lustvoll-genervter Zeuge der Dauerselbstzerschmetterung eines grandiosen Narziss’.

An diesem Abend treibt er seine Selbstbespiegelung auf die klamaukige Lustspielspitze. Der Baumeister ist in Castorfs (Selbst)Wahrnehmung so unalt, unrostig und unkrank wie der grandiose stählern-jungenhafte Knatterer Marc Hosemann. Bevor dieser selbst etwas sagen darf, reicht er dem greisen Konkurrenten eine Seifenschachtel mit der „Knabberleiste“ und wartet. Wartet, bis sich Volker Spengler im Klinik-Nachthemd das künstliche Gebiss eingesetzt hat. Wartet, bis Knut/Spengler merkt, dass er was sagen muss. Wartet, bis der alte Kollege akustisch verstanden hat, was die an diesem teilweise völlig ungeprobten Abend heldenhafte Souffleurin Christiane Schober ihm da zuruft, um es andeutungsweise nachzugurgeln. Halvar wird noch ähnlich rücksichtsvoll sein müssen, wenn Horst Lebinsky als seniler Therapeut seiner Gattin im Bild herumsteht und von einer geistigen Absence in die nächste driftet. Das ist würdige Huldigung und respektlose Vorführung der Alten in einem.

Die Jugend − vertreten durch das heiser geschriene 40-Kilo-Energie-Drahtwiesel Jeana Paraschiva als Kaja und den drei- bis viermal voluminöseren Daniel Zillmann als Ragnar − ist jedenfalls auch nicht geistvoller. Triumphieren wird sie natürlich trotzdem, als Pokemon-Kuscheltierpaar − was für ein Altherren-Kulturpessimismus!

Zillmann überzeugt vor allem in seiner zweiten Rolle als Gattin Aline, die mit schwarzem Kopf- und Gesichtshaar über den Edelmut und die Grandezza einer ganzen Conchita-Wurst-Packung verfügt. Die himmlisch-herrische Kathrin Angerer ist Hilde Wangel, die den Spätmeister überfordernde Jungmuse. Keines, der 21 Jahre seit ihrem Castorf-Ibsen-Volksbühnen-Debüt („Frau vom Meer“, 1993) scheint vergangen zu sein. Es ist kein Wunder, dass Halvar-Frank die Zeiten durcheinander rutschen, zumal er eindeutig zu viel Arbeitszeit mit Fernsehglotzen verbringt und in den Paralleluniversen von „In aller Freundschaft“ und „Willi Schwabes Rumpelkammer“ auf lauter Weggefährten trifft. Letzteres kennt das junge Gemüse, das immer penetranter versucht, an die wohlbesetzten wenigen Plätze im Kritikergewerbe heranzukommen, gar nicht mehr. Aber mitreden und unseren Frank als eitlen Altmeister abtun wollen! Könnt ihr nicht anstandshalber warten, bis wir alle tot sind?

Baumeister Solneß 31. Mai, 6., 13., 27. Juni, 3. Juli, jeweils 19.30Uhr in der Volksbühne, Kartentel.: 24065777