Familienaufstellung: Hank (Ethan Hawke), Lumir (Juliette Binoche) und Fabienne (Catherine Deneuve, v.l.) mit Tochter beziehungswiese Enkelkind.
Foto: Prokino

BerlinDie Filmdiva Fabienne hat ihre Memoiren geschrieben. Und wie es sich für eine Schauspielikone  gehört, nimmt sie es mit der Wahrheit nicht allzu genau. Was ihr nicht nur ihr langjähriger Vertrauter Luc verübelt, der sich mit keinem einzigen Wort in dem Werk erwähnt findet, seine Sachen packt und kündigt. Auch Tochter Lumir, Drehbuchautorin in den USA und gerade mit Ehemann und Tochter auf Besuch im Pariser Palais, ist wenig begeistert von den fantasiereichen Uminterpretationen der Mutter.   

Denn da fehlt nun ausgerechnet Sarah, Freundin und Rivalin Fabiennes, die für Lumir oft der Ersatz für die arbeitsbedingt abwesende Mutter war. An die Leerstelle dichtet Fabienne sich selbst in der Rolle einer liebevollen Fürsorgerin. Lumir ist fassungslos, Fabienne versteht die Aufregung nicht, und Schwiegersohn Hank (Ethan Hawk) kann nicht umhin, sich über so manches doch sehr zu verwundern, aber Hank ist schließlich auch nur Serienschauspieler und zudem Amerikaner.

Mit offensichtlicher Wertschätzung

Der Regisseur jener Turbulenzen, die sich in dem treffend unzutreffend benannten „La vérité“ (Die Wahrheit) mit französischer Lebhaftigkeit entfalten, ist wiederum Japaner: Hirokazu Koreeda – bei den Filmfestspielen in Cannes vor zwei Jahren für das Familiendrama „Shoplifters“ mit der Goldenen Palme ausgezeichnet – hat hier erstmals im Ausland gedreht. Dazu angestiftet habe ihn, so Koreeda, Juliette Binoche, die während eines Japan-Aufenthaltes vorschlug, einmal gemeinsam ein Projekt zu erarbeiten. Nicht nur wurde aus der Idee tatsächlich ein Film mit Binoche als Lumir, Koreeda gelang es auch, Catherine Deneuve für die Rolle der Mutter zu gewinnen und erarbeitete mit ihr zusammen die Figur der Fabienne.

Catherine Deneuve und Juliette Binoche – zwei der größten französischen Schauspielerinnen zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera –, allein das gäbe Anlass genug zur Freude. Begegnen die beiden Diven einander doch mit offensichtlicher Wertschätzung und entwerfen eine Mutter-Tochter-Beziehung, die reich ist an emotionalen Schattierungen und in der die Machtverhältnisse beständig changieren. Nach Lucs Abgang nämlich übernimmt Lumir eher notgedrungen die Funktion der Assistentin der Mutter – und nutzt die ungewohnte Nähe, dieser beständig ins Gewissen zu reden; außerdem schreibt sie ihr fortan Dialogzeilen für schwierige Situationen.

Trailer „La vérité“

Youtube

Damit entzieht der Film seinem Publikum endgültig die Ebene der Verlässlichkeit und Koreeda gelangt auf sein ureigenstes filmemacherisches Territorium: Ein Spannungsfeld, das sich zwischen Wahrheit und Lüge, Wahrnehmung und Wirklichkeit aufspannt, auf dem der Regisseur sich mit den möglichen und/oder tatsächlichen Unterschieden zwischen verwandtschaftlichen und sozialen Beziehungen beschäftigt. Immer entlang der Frage, was das eigentlich ist, was die Menschen zusammenhält, wie dabei Emotion und Konvention aufeinander einwirken und welche Rolle die Erinnerung spielt. Reflektiert und gebrochen wird der  Konflikt zwischen Mutter und Tochter zudem in einer Film-im-Film-Handlung: Fabienne hat eine Rolle in einer Science-Fiction übernommen, die von einer Mutter erzählt, die im Weltraum nicht altert, während ihr Mann und ihre Tochter den Weg alles Irdischen nehmen.

Prokino
La vérité

Frankreich, Japan 2019. Regie, Drehbuch, Schnitt: Hirokazu Koreeda, Kamera: Éric Gautier, Musik: Alexeï Aïgui, Darsteller: Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Ethan Hawke u.a., 106 Minuten, Farbe

Gegenüber Fabienne, die als gealterte Tochter besetzt ist, agiert in der Rolle ihrer alterslosen Mutter eine kommende Starschauspielerin, die wiederum alle an die früh verstorbene einstmalige Konkurrentin Sarah erinnert. In welcher sich auch ein Reflex von Catherine Deneuves im Alter von 25 Jahren tödlich verunglückten Schwester, der Schauspielerin Françoise Dorléac, erkennen lässt. So blitzt in der Fiktion einmal mehr die Wahrheit auf,  komplizieren sich die Relationen. Mühelos aber behält Koreeda die auf vielerlei Ebenen verlaufenden Fäden in der Hand, inszeniert zugewandt und aufmerksam, und entfaltet die spezifische Sensibilität seines Kinos der Sprachbarriere zum Trotz in einem europäischen Kontext. Mit beeindruckender Selbstverständlichkeit überwindet er kulturelle Grenzen und dringt zum Menschlichen vor.