Es ist eine etwas verwirrende Erfahrung, wenn man heute in die Nummer 315 Bowery Street in Downtown Manhattan eintritt, der dunkle Raum kann sich nicht so recht entscheiden, was er sein will. Im vorderen Teil werden in einem breiten Regal Schallplatten aus gutem alten Vinyl angeboten, die blanke Ziegelwand ist mit Konzertpostern aus den 70er- und 80er-Jahren übersät – Iggy Pop, The Police, Tom Petty and the Heartbreakers. In der Mitte steht rechter Hand eine kleine Konzertbühne, komplett mit spielbereiten Instrumenten. Doch dringt man tiefer ein in das Dunkel, weicht das Musikinventar Kleiderständern mit hochpreisiger Herrenmode – Ledersakkos zu 2500 Dollar, Stiefel mit Nietenbesatz zu 384, Designerjeans ab 185 Dollar.

Die Wiege des amerikanischen Punks

Dankenswerterweise klärt eine kleine Tafel am Ausgang einen beim Rückweg auf die Straße dann darüber auf, dass hier von 1973 bis 2006 der legendäre Club CBGB war, die Wiege des amerikanischen Punk, wo Bands wie die Ramones, die Talking Heads, Blondie, Television und Patti Smith ihre Karriere starteten. Seither hat der Designer John Varvatos die Adresse übernommen, nicht freilich, ohne seinen Vormietern Tribut zu zollen. Sogar eine Originalwand des CBGB mit einer fünffachen Schicht an Aushangzetteln von Konzertankündigungen bis zu Untermietgeboten hat Varvatos hinter einer Plexiglas-Scheibe erhalten. Warum soll er schließlich nicht vom Ruhm dieser Stätte profitieren, deren wildes Image bestens zu seinem Stil passt.

Das CBGB ist zu einer profitablen Marke geworden und das nicht erst, seit der Club vor sechs Jahren schließen musste. Es war schon Jahre vorher eine Pilgerstätte für Rocktouristen aus der ganzen Welt, inklusive Souvenir-Shop mit T-Shirts und CBGB-Biergläsern. Bedeutsame Bands oder auch nur solche mit einer originellen Idee spielten dort jedoch schon lange nicht mehr. „In den letzten Jahren“, erinnert sich der Musiker Darren O’Brien, „durfte dort jeder spielen, der bereit war, für die Ehre zu bezahlen im CBGB aufzutreten.“

Seit der Schließung des Clubs und dem Tod seines Gründers Hilly Kristal 2007 ist es endgültig still geworden um das CBGB, nur die Reste im Verkaufsraum von John Varvatos Boutique sind noch da. Doch jetzt wollen die New Yorker Musik-Produzenten Tim Hayes und Joe d’Urso den Geist des CBGB wieder aufleben lassen. Für drei Millionen Dollar haben sie von Hilly Kristals Tochter Lisa die Rechte an den vier Buchstaben gekauft und veranstalten in den kommenden Tagen in den New Yorker Clubs und im Central Park ein viertägiges Festival.

Der Punk-Moment ist lange vorüber

Für die Zukunft ist die Wiedereröffnung des Clubs in New York geplant – das Originalinventar, das Lisa Kristal eingelagert hatte, war im Kaufpreis inbegriffen. Zur Wiedergeburt fehlt nur noch eine geeignete Immobilie. Hayes und D’Urso wollen etwas kaufen, damit es ihnen nicht so ergeht, wie Hilly Kristal, der durch die astronomisch gestiegenen Mieten im unteren Manhattan verdrängt wurde. Ein bezahlbares Haus an der Lower East Side zu finden, wo sich die Manhattaner Clubszene sammelt, gestaltet sich jedoch bislang noch schwierig.

Natürlich fragt man sich nun in New York, wie sinnvoll es ist, das CBGB mit allem, was es symbolisiert, wieder zu beleben. Der Punk-Moment in New York ist lange vorüber, das zeigt alleine ein Blick die Bowery hinunter. Die Obdachlosenasyle, die einst die Straße prägten sind bis auf eines verschwunden, an ihre Stelle sind Cocktailbars, Kunstgalerien und Boutiquen à la Varvatos getreten. Statt Pennern, die auf dem Bürgersteig ihren Rausch ausschlafen, wimmelt es von aufgetakelten jungen Damen, die zu viel „Sex and the City“ gesehen haben und nach gehobener Feierabendunterhaltung suchen. Musikalisch ist Punk und verwandte Formen von Garage bis zu Indie- und Art Rock schon lange ein fester Bestandteil der New Yorker Szene. Die bestimmende Richtung ist es jedoch schon lange nicht mehr. „Es ist in gewissem Sinn das Standard-Genre auf der Lower East Side“, sagt Darren O’Brien.

Vielleicht, so O’Brien, sei der nächste echte Punk gar kein Punk sondern zum Beispiel elektronische Musik. Dafür spricht einiges. In Brooklyn, auf der anderen Seite des East River, hat sich in den vergangenen fünf Jahren, „der fruchtbarste Nährboden für neue Musik in New York seit den goldenen Zeiten des CBGB entwickelt“, wie das New York Magazine schreibt. Die Protagonisten der Brooklyner Szene, Bands wie die Dirty Projectors, Animal Collective, Grizzly Bear oder TV on the Radio machen jedoch alles andere als traditionellen Punk. Sie experimentieren mit den verschiedensten Kombinationen von Tanzmusik und Rock, der Geist in den Clubs von Williamsburg und Bushwick ist jedoch unverkennbar punkig.

Natürlich sind sich die neuen Hüter des CBGB-Labels durchaus der Untiefen des Vorhabens bewusst, in dieses Umfeld hinein eine Replik von Hilly Kristals altem Schuppen zu bauen. „Natürlich können wir nicht einen bestimmten Moment der Geschichte wiederbringen“, sagt Tim Hayes. „Wir können nicht das alte CBGB wie ein Puzzle wieder zusammen- setzen. Aber wir können versuchen, ihm ein zweites Leben einhauchen.“

Mischung aus Punk-Nostalgie und neuer Musik

Wenn das Festival ein verlässlicher Hinweis ist, dann soll das durch eine Mischung aus Punk-Nostalgie und neuer Musik geschehen. Auf dem Programm stehen Veteranen wie der Gitarrist von Television, Tommy Verlaine, die alte CBGB-Band Tuff Darts und Tommy Ramone, der letzte Überlebende des legendären Quartetts. Doch auch junge Bands, wie die Art-Pop-Combo The Men oder die D-Generation bekommen ihre Chance. „Wir wollen vor allem dem Motto von Hilly treu bleiben, ausschließlich frische, originelle Musik zu bringen“, so Tim Hayes. Was die Genre-Grenzen angeht, ist man da genau wie Kristal nicht ideologisch. Schließlich hatte er ursprünglich eine Country-, Bluegrass – und Blues-Kneipe im Sinn – deshalb auch CBGB.

Das ist alles durchaus viel versprechend. Was jedoch bei dieser Philosophie bis auf den Namen und das alte Inventar den neuen CBGB-Club von den Dutzenden anderer Clubs auf der Lower East Side und in Brooklyn unterscheiden wird, ist allerdings noch unklar. Und ob das Label und die Möbel eher ein Vorteil oder ein Nachteil sind muss sich erst noch heraus stellen. Der Status als Touristenattraktion wird dem Club damit zwar sicher sein. Ob es aber auch ein Ort mit einem kreativen, innovativen Geist wird oder gar wie sein Vorgänger Zentrum einer Bewegung, ist hingegen eher fraglich. Das lässt sich auch für drei Millionen Dollar nicht kaufen.