Der Krieg sei eine dynamische Situation, sagte Carlo Masala von der Münchner Universität der Bundeswehr etwa in der Mitte der Sendung „Anne Will“. An die müsse man seine Haltungen gelegentlich auch anpassen. Genau darüber aber werde öffentlich zu wenig gesprochen, sagte Masala noch.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich am Sonntagabend bereits der Eindruck verdichtet, dass wieder einmal die seit Monaten zirkulierenden Stereotypen zum russischen Krieg gegen die Ukraine ausgetauscht worden waren. Kaum Stellungswechsel in der Debatte.

Besonders beliebt ist seit geraumer Zeit der Verdacht, in Bundeskanzler Scholz einen unsicheren Kantonisten zu haben, der seine Zögerlichkeit nicht nur als charakterlichen Makel trägt, sondern womöglich gar kein Interesse an einem Erfolg der Ukraine habe. Der Bundeskanzler ein Spieler, ein Falschspieler gar? Ganz ausdrücklich formulierte diese Vermutung der CDU-Wehrexperte Roderich Kiesewetter, indem er vermutete, er spiele auf Zeit: „Ich befürchte, dass der Bundeskanzler nicht will, dass die Ukraine den Krieg gewinnt.“

Wer hat welche Kriegsziele?

Anne Will schien in diesem Moment gewittert zu haben, dass sich hinter diesem Zitat die Schlagzeile des späten Abends verbarg. „Jetzt ist es raus“, sagte sie triumphierend, aber ihre Diskutanten schienen nicht sonderlich darauf einsteigen zu wollen und hielten lieber an ihren mitgebrachten Positionen fest.

Für den Linke-Abgeordneten Jan van Aken bestand diese darin, vehement den Gedanken zu vertreten, dass die diplomatischen Mittel noch nicht ausgeschöpft seien. Die in Kiew geborene Publizistin Marina Weisband hakte scharfzüngig ein, dies sei eine Position, die sie 2014 ebenfalls vertreten habe. Nun aber könne es nur darum gehen, die Ukraine als Sieger aus dem Krieg hervorgehen zu lassen.

„Gewinnen“, „nicht verlieren“, „die Ukraine muss bestehen“ – was genau unter all dem zu verstehen sei, schwankte im Verlauf des Abends. Mal war von einem militärischen Sieg die Rede, dann wieder von einem Platz der Ukraine in der Welt, in der die Ukrainer nicht die Getriebenen seien, von Resilienz, also allgemeiner Widerstandskraft, war ebenfalls die Rede, aber auch von einem bevorstehenden Abnutzungskrieg, der auch hierzulande der Akzeptanz bedarf. Der Erfolg der Ukraine, so drückte es Masala in dialektischer Spitzfindigkeit aus, könne noch zum Problem werden.

Michael Roth (SPD), dem Vorsitzendem des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, der vor einigen Wochen den Stimmungsdruck für die Lieferung schwerer Waffen durch seine gemeinsame Reise mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) und Anton Hofreiter ins west-ukrainische Lwiw erheblich erhöht hatte, kam diesmal die Aufgabe zu, das geschürte Misstrauen in Kanzler Scholz mit der politischen Realität abzugleichen.

Er verwies auf fünf wirksame Sanktionspakete, an die Abgabe von Waffen, deren Lieferwege mitunter sehr beschwerlich sein können, sowie den unbedingten Wunsch, die Ukraine zu unterstützen. Aber: „Ich muss mich nicht schämen, im Verlauf des Krieges meine Meinung geändert zu haben.“

Die Nato und die Türkei wurden nicht thematisiert

Roths emotionales Bekenntnis, für das angemessene Verhalten zu diesem Krieg kein Rezept zu haben, löste sich bald jedoch wieder auf in die allgemeine Kakophonie über Kriegsziele. Zu keinem Zeitpunkt aber schien man sich auf die früh von Carlo Masala verbreitete Erkenntnis einigen zu können, dass diese auch unter den Verbündeten sehr unterschiedlich interpretiert wird. Der Krieg, eine dynamische Situation – siehe oben.

„Größere Nato, mehr Waffen?“ lautete der Titel der Sendung, aber es dauerte bis 22.32 Uhr, ehe das Stichwort Türkei fiel, die der Aufnahme von Schweden und Finnland in das westliche Verteidigungsbündnis gerade ein trotziges Veto erteilt. Aufgegriffen wurde Erdogans perfides Spiel dann aber nicht. Der wankelmütige Bundeskanzler Olaf Scholz war an diesem Abend das weit ergiebigere Thema. Und der geostrategische Poker des greisen türkischen Autokraten? Vielleicht beim nächsten Mal oder bei einem der anderen Talk-Kollegen.

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