Potsdamer Platz
Foto: imago images/Andreas Gora

Die Theater und die Opernhäuser spielen nicht mehr. Die Straßen sind leer. Und sollten doch Menschen einander draußen begegnen, sind sie gehalten, ohne Gespräche weiterzugehen. „Zerstörung“ heißt der Roman von Cécile Wajsbrot, in dem einen so manches an die Gegenwart unter Corona-Bedingungen erinnert. Er ist allerdings schon 2019 auf Französisch erschienen, und erst in diesem Frühjahr auf Deutsch, übersetzt von der Schriftstellerin Anne Weber.

Mögen die Städte durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsrisikos fast gespenstisch gewirkt haben, Cécile Wajsbrot entwirft Schlimmeres, eine Atmosphäre von Gedanken-Überwachung und geistiger Verarmung. Die Erzählerin ist Schriftstellerin wie sie, es geht um ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen, ihr Verhältnis zur Gesellschaft. Sie wird von einer ihr unbekannten, aber einflussreichen Instanz aufgefordert, mündliche Protokolle im MP3-Format zu liefern. Sie lässt sich zunächst noch aus einer schöpferischen Neugier heraus darauf ein, womöglich, um festzuhalten, was um sie her verschwindet. Dass allerdings Spitzeldienste, Spionage von ihr verlangt werden, erzeugt parallel ein Unbehagen.  

Wajsbrots Themen: Verrat und Schuld 

Seit 2002 erscheinen Bücher der 1954 in Paris geborenen Cécile Wajsbrot auf Deutsch. Mehrfach beschäftigte sie sich mit dem Einfluss der Vergangenheit auf Lebenswege, auch mit dem Nachwirken von Schuld. „Mann und Frau den Mond betrachtend“ nimmt Bilder von Caspar David Friedrich zu Hilfe, um deutsche Traditionen zu spiegeln. Im Roman „Der Verrat“ soll ein berühmter Radiomoderator eine verdrängte Erinnerung hervorholen. In „Aus der Nacht“ reist eine Frau nach Polen, um dort nach ihrer Familie zu forschen. Sie stellt fest, dass alles ein Gedächtnis hat, auch „Vögel, Körper und Wasser“.

Genau das soll nun diskreditiert  werden in dem düsteren Gesellschaftsbild der „Zerstörung“. Erst werden keine Briefe mehr geschrieben, weil man sich Mitteilungen nur noch per Handy sendet, dann aber verschwinden die Texte und Fotos aus den Mobiltelefonen. Mit jedem neuen Update ist etwas weg. Erst dürfen Bücher nur noch in einfachen Worten erscheinen, dann sind sie verboten, werden eingesammelt wie Müll. Erst dürfen noch ausgewählte Sprachen gelernt werden, dann nur noch ein simples Englisch. Die Erzählerin konstatiert, vergleicht, versucht ein System zu erkennen und dessen Urheber. Sie ruft Zeugen aus der Vergangenheit an, Dichter und Schriftsteller allesamt, von Anna Achmatowa und Marina Zwetajewa bis Nelly Sachs, von Franz Kafka über Ray Bradbury bis Péter Esterházy. „Geistige Gitter“ sind eingezogen, registriert sie. Freiheit oder Diktatur heißt die Frage, der man sich am Ende stellen muss.

Wajsbrot schreibt nicht chronologisch; die suchenden, rhythmischen Sätze treiben die Erzählung nur etappenweise vorwärts, unterbrochen von Telefon-Dialogen mit der nicht fassbaren Kontroll-Instanz. Zuweilen hat man den Eindruck, Beobachtungen wiederholen sich, aber doch hat sich jedesmal das Bild ein bisschen verschoben. So fordert die Autorin die Leser heraus. Ihre Studie über Wahrnehmung und Beeinflussung hält die Augen und die Gedanken immer wieder fest.

Die Erzählerin flieht nach Berlin und erkennt anschließend Paris nicht wieder. Diese Städte und einige ihrer markanten Gebäude sind nachprüfbare Orte. Doch die Zeit des Romans bleibt im Unklaren. Allerdings scheint sie, wenn es heißt, „wir sind in einer anderen Welt, in der das Virtuelle die Realität beeinflusst und immer mehr Macht gewinnt“, gar nicht mal so fern.

Eine Liste von Umfrageergebnissen, was wichtig sei, gibt einen Hinweis, wo die Dystopie ihren Anfang genommen hat: „Die Oper? – Unnötig.  … Buchhandlungen? – Sie sollten besser Wohnungen bauen. ... Fremdsprachenunterricht? –  Unnötig. Wichtiger ist es, die eigene Sprache gut zu kennen. … Kunstgeschichte? – Ein Luxus.“ Das ist der Geist des Populismus, Kultur wird zurückgedrängt zur Garnitur. So ungemütlich Cécile Wajsbrot ihr Publikum auch auf Zeichen stößt, die man bereits heute in Paris wie in Berlin außerhalb des Romans erkennen kann, so stark entfaltet sich die Wirkung dieses Buches. „Zerstörung“ erzählt ein Modell, das es zu verhindern gilt.

Cécile Wajsbrot: Zerstörung. Roman. Aus dem Französischen von Anne Weber. Wallstein, Göttingen 2020. 230 S., 20 Euro