Als Céline Dion am Sonntagabend die Bühne der Mercedes Benz Arena betritt und die ersten Töne eines ihrer größten Hits „The Power of Love“ anstimmt, stehen fast alle der 12.000 Besucher auf. „Cause I’m your lady“ wird stellvertretend gesungen für diese Fangemeinde, die die aus Québec stammende Sängerin mit Löwenmähne und Glitzerjackett wärmstens empfängt.

Sie wird von mindestens acht Streichern, einem Pianisten und drei Background-Sängern begleitet. Und nach den ersten beiden Liedern, in denen sie sich rockig und kraftvoll gibt, die Fäuste geballt in die Luft streckt werden und seltsam anmutende Schnuten verzieht, nimmt Dion dann auch ihre Rolle als Entertainerin ein.

Schuhe und Würstchen

Sie erzählt, wie sie als letztes Kind einer 14-köpfigen Band nie zu Wort kam und deshalb jede Gelegenheit nutzt, viel zu reden. Darauf folgt ein minutenlanger Exkurs in die Esspräferenzen Dions: sie liebe Nürnberger Würste so sehr, dass sie diese in Berlin gerne dreimal am Tag esse. Ja, die deutschen Würste. Und das Kadewe! Das liebt die Kanadierin auch, und stellt auf kindlich-süß um, um ihre Schuhliebe kundzutun.

Im Set geht es weiter quer durch das Repertoire „That’s the way it is“, „Taking Chances“, „I’m alive“: sie singt diese souverän, charakteristisch leicht nasal. Das Publikum ist etwa älter, aber Dion ist ja auch schon seit den 80er-Jahren aktiv. Die Leute singen mit, den Schöne-und-das-Biest-Song von heute, von 1991.

Alles funkelt

Es funkelt und glitzert in der Halle, Handylampen werden angeschaltet. Doch die Augen Dions funkeln auch. Sie zeigt sich berührt beim Lied „Recovering“, das die Sängerin Pink ihr nach dem Tod ihres Mannes und Managers René Angélil letztes Jahr geschenkt hat, und bedankt sich sehr oft beim Publikum. Man muss diese mainstreamige Musik nicht mögen, man hätte allen Grund dazu. Aber man kann sagen, was man will – die Frau kann singen.

Kann das allein das Faszinosum Céline Dion erklären? Liegt ihr Erfolg daran, dass jedes, ja wirklich jedes Lied über Romantik und Liebe sinniert, und jeder sich damit identifizieren kann? Jedenfalls ist Dion eine der erfolgreichsten Künstlerinnen aller Zeiten, die erfolgreichste Musikerscheinung Kanadas sowieso. Seitdem sie fünf ist, singt sie: die Kanadierin ist eine Karrierefrau.

Erotisches Intermezzo

Und für so manche Augenbrauen-hochziehende Überraschung ist sie am Sonntagabend auch aufgelegt gewesen: Nach dem ersten dramatischen Intermezzo, das einen von insgesamt fünf Outfitwechseln einläutet, erscheint Céline im hautengen, hautfarbenen Bodysuit mit schwarzem Glitzermuster. Das erste französische Stück des Abends, „Le ballet“, sie singt es erotisch tanzend auf einem schwarzen Stuhl, samt schönem Jüngling. Verzeihung, aber Dion will sich nicht sagen lassen, dass sie kein Sexappeal mehr hat.

Es sind grundsätzlich die französischen Songs, die leichter zu verdauen sind – doch leider sind diese für das deutsche Publikum eher spärlich gesät. Dafür gibt es im dritten Teil der Show Tribute, an Freddie Mercury und Michael Jackson etwa. Zum Abschied wagt Dion den Schritt ins Publikum, und deklariert ihre Liebe zu allen neben dem Mischpult, bevor sie in die Berliner Nacht verschwindet.