Der umstrittene Leipziger Intendant Sebastian Hartmann bat am Donnerstag zu seiner letzten Premiere auf der großen Bühne des Centraltheaters. Im März wird der Saal zu einer Agora umgebaut und mit einem Gewitter von Schnell-Inszenierungen bespielt, bevor dem österreichischen Mysterienspieler Hermann Nitsch der Schlussgong überlassen wird. Das von Hartmann verschreckte Leipziger Theaterbürgertum wird noch einmal ganz tapfer sein müssen, wenn Nitsch die Gedärme aus den Kadavern zottelt und für eine seiner Kreuzigungsorgien auf die Bretter des einstigen Operettenhauses klatscht. In der nächsten Spielzeit übernimmt dann Enrico Lübbe: einst als Alfons Zitterbacke ein DDR-Fernsehstar, heute ein viel beschäftigter Stadttheaterregisseur, mit vergleichsweise zahmem Ruf. Er ist sich vernünftigerweise nicht zu schade, mit Volkshochschulen und mit der Tourismus und Marketing GmbH zusammenzuarbeiten und die Einnahmen durch Vermietung der Spielstätten zu erhöhen. Auf dass Theaterfriede sei in Leipzig.

Hartmann − der sich zwischenzeitlich durchaus auf das Publikum zu bewegt, den Kontakt gesucht und sogar boulevardeske Mittel ausgepackt hat, freilich um sie bis an die Grenzen auszuspielen − ist nun mit „Mein Faust“ noch einmal voll auf Konfrontation gegangen. „Hää?“, macht Peter René Lüdicke, als er in Gottes Auge (eine Kamera im Schnürboden) blickt und mal wieder nichts kapiert. „Hää?“, macht er später noch einmal und sieht zu den Zuschauern, die mal wieder nichts kapieren. Und dann lachen die Spieler die Leipziger aus.

Hartmanns Arbeit könnte auch „Mein Peer Gynt“ oder „Mein Sturm“ oder „Mein Stück Ihrer Wahl“ heißen. Es ist eine großkunstbunte Nummernrevue der Leidens- und Entäußerungsverrichtungen, dargeboten von elf schönen, starken, heftigen Spielmenschen (darunter Heike Makatsch), die keine Rollen verkörpern, sondern unerschrocken Eigenleib-Experimente verüben. Nur mit Hilfe des Titels, des Programmheftes und eines auf geradezu fürsorgliche Weise mit Dreck beworfenen Geheimratspappkopfes ist der Zweieinhalb-Stunden-Rummel mit Kasper- und Feuerwerkseinlage als eine Goethe-Adaption erkennbar.

Viel nackte und verschiedentlich besudelte Schauspielerhaut

Das liegt auch daran, dass kein einziges von Goethes Worten gesprochen wird; es wird, außer jenem Häää und vielleicht noch ein paar Jas, überhaupt kein Wort gesprochen. Dafür wird viel und jeweils lang und leidenschaftlich geseufzt, gehechelt, gebrüllt, geächzt, gejapst, gehustet, gekotzt, gewichst, geleckt, gebumst und gestorben. Anfangs noch alles in bombastischen, luxuriösesten Barockkostümen, entworfen von Adriana Braga Peretzki und hergestellt von einer bewunderungswürdigen Kostümabteilung: wuchtig aufgebauschte Reifröcke aus kostbaren Stoffen, Allonge-Perücken-Türme mit eingebauten Segelschiffen, zierlichste Kragenschleifen, flauschigste Federfächer, niedlichste Bommelpantoletten.

Doch bald schon kippen die Perücken von den Köpfen, kommen unterm Brokat die Spitzen-Puffunterhosen zum Vorschein, nicht viel später auch sehr viel nackte und verschiedentlich besudelte Schauspielerhaut. Der zum Treiben aufspielende Musiker Nackt (Flügel, Zithar, Gong und Elektronik) war allerdings schon von Beginn an namensgebend unbekleidet.

Die Bühne (ebenfalls Hartmann) ist zweigeteilt: Die Rampe mit Soufleurskasten und Rampenlichtblenden schimmert in pappmaché-blattgold, sogar der Rote Vorhang kommt zum Einsatz. Doch in der Mitte bricht das Parkett weg, und hinten kommt der Dreck zum Vorschein. Der Horizont besteht aus einer riesigen LED-Wand, die das saftsattsinnliche Geschehen (Zutritt ab 18) als trostloses, meist graues Pixel-Echo widerscheinen lässt.

Wer möchte kann sich den einen oder anderen metaphysisch-psychoanalytischen Reim darauf machen und mit ein bisschen Volkshochschulbildung auch Verbindungen zu Goethes Faust ziehen, in dem es ja auch um alles Mögliche geht.

Mein Faust 17., 23. November, 9., 15.Dezember im Centraltheater Leipzig, Karten unter Tel.: 0341/126 81 68