Diesmal gibt es eine Gastgeberin – nach dem Direktor, der zu Beginn eine begeisterte Rede hält. Immerhin feiert das Chamäleon seinen 10. Geburtstag. Diesmal steht eine sehr schlanke, sehr blonde, mit sehr hohen Plateau-Boots riesig wirkende Frau auf der optisch wundersam vergrößerten Bühne und begrüßt das Publikum zum neuen Programm. „Crossroads“ heißt es. Iza Mortag Freund verspricht, dass es zu Begegnungen an Scheidewegen kommen wird, dass Geschichten erzählt werden zum Lachen und Weinen.

Zwischen Punk und Weill

Doch spielt diese Frau nicht etwa die Rolle des Conférenciers wie bei Varieté-Programmen aus früherer Zeit. Sie ist Musikerin, singt mal schrill mit Punk-Attitüde, interpretiert mal lasziv einen Brecht-Weill-Song. Manchmal macht sie nur Geräusche, mit der Stimme oder dem Theremin. Das elektronische Instrument wird durch Körperbewegungen gesteuert, ohne es zu berühren. Für die exzentrische Iza Mortag Freund scheint es wie geschaffen. Auch mit ihren auffälligen Kostümen, etwa einem weißen Felljäckchen zur glitzernden schwarzen Miederhose, zieht sie immer wieder alle Aufmerksamkeit auf sich. Das ist gewagt. Einerseits zeigt sich das Chamäleon mit der Musikerin jung und modern, auch Lars Eidinger hat an der Schaubühne „Romeo und Julia“ mit ihr aufgepeppt. Andererseits kann sie auch so verstören, dass man dem restlichen Geschehen auf der Bühne nicht mehr genug Aufmerksamkeit schenkt.

Grüblerische Momente

Dabei haben die Artisten alle Blicke verdient, wenn sie das klassische Repertoire von Jonglage über Hulahoop, Trapez und Seil zu Akrobatik variantenreich vorführen. Vor allem die beiden anderen Frauen in dem sechsköpfigen Team zeigen eine verblüffende Mischung aus Kraft und Leichtigkeit. Beide sind sie in der Lage, ihre männlichen Kollegen zu tragen, immer auf den Punkt gehoben und abgesetzt, als würden sie bloß Getränkekisten bewegen. Freyja Edney kann sich aufrichten, während ein Partner auf ihr steht, ihn dabei in die Höhe schieben und noch auf der Schulter tragen. Saara Ahola kann sogar gleich drei Kollegen heben. Sie ist eine schlanke, kleine Person, die anders als die Männer keine Muskelpakete zur Schau stellt. Am Trapez mitten im Saal, in Schweißtropfennähe zum Publikum, zerstört sie durch lautes Atmen jede Illusion, dass dies alles nur ein Spiel sei: Akrobatik ist anstrengend. Was durchaus sympathisch wirkt: Man möchte ja gar nicht mehr belogen werden im Varieté. Unterhaltung kann sehr wohl grüblerische Elemente haben, auch dafür steht das Chamäleon seit zehn Jahren, den erzählerischen Anspruch des neuen Zirkus à la Cirque du Soleil aufnehmend.

in der Gymnastik war, sich erst nach einer Schulterverletzung in die Zirkusschule begab.

Artisten mit Instrumenten

Für den Spaß sind eher die Männer zuständig in diesem Programm – hier eine kleine Salto-Kabbelei, da ein Geschwindigkeitsrausch mit dem Zauberwürfel oder ein Verzählen bei den Jonglier-Keulen. Einer von ihnen führt so atemstockend perfekt gezirkelte Kopfüber-Bewegungen vor, dass jeder olympische Turnerstar vor Neid erblassen muss, wenn er ihn sieht: Luca Forte balanciert sich im Einhandstand auf einem schmalen Gestell perfekt aus, schiebt seinen Körper im Rechteck zur Seite und hält sich unbewegt in der Luft. Dann dreht er sich um die eigene Achse, die rechte Hand trägt sein ganzes Gewicht! Da ist mehr als Körperspannung, der Mann muss Drähte implantiert haben. Das Programmheft klärt auf, dass er 14 Jahre lang Profi

Dazu erklingt stets Musik, nicht nur von der blonden Verführerin, die sich manchmal marionettenhaft dabei bewegt, aber ohne akrobatisches Können eine Randfigur bleibt. Zuweilen geben Songs aus Lautsprechern den Takt vor, einen langsamen Leonhard Cohens „Take This Waltz“. Zwischendurch spielen auch alle Artisten Instrumente: Akkordeon oder Cajón, E- oder akustische Gitarre, Klarinette und Mundharmonika. Das hat mehr Charme als Perfektion. So zeigt sich das Chamäleon zum Jubiläum wieder mit etwas so Noch-nicht-Gesehenem. Es bleibt allerdings auch ein spröder Eindruck, bei allem Hin- und Hergekreuze der Wege und Stile ging ein bisschen die Harmonie verloren.

„Crossroads“ bis 22. Februar 2015,

Karten Tel. 400 05 90.