Das kann man ja mal zu Hause nachmachen: Man nehme vier leere Weinflaschen und stelle sie rechteckig angeordnet auf einen Tisch. Darauf postiere man eine große massive Holzkiste, Achtung, die muss vorsichtig aufgesetzt werden, damit die Flaschen nicht umfallen! Obendrauf stelle man parallel zwei Koffer. Auf die Koffer, Kante an Kante, kommt eine weitere Kiste, die sollte offen sein, aus genagelten Brettern bestehen. Darauf postiert man noch gleichmäßig übereinander zwei kleinere Kisten, die dann wieder massiv sein können. Das klingt nach einer wackligen Angelegenheit? Aber es ist durchaus möglich, so zu bauen, das zeigt jetzt die australische Company 2 mit ihrem Programm „Scotch & Soda“ im Chamäleon. Allerdings hat sich am Donnerstag beim Premierenabend der Artist, der die Konstruktion baute, gleich noch obenauf geschwungen, kopfüber, und dann einhändig die Balance gehalten. Anschließend tat er auch noch so, als sei das keine große Sache – wurde jedoch mit donnerndem Applaus bedacht.

Kein Sport, sondern Spaß

Nun gehört es seit einigen Jahren zum Wesen des neuen Zirkus, schier unmögliche Körperexperimente mit großer Lässigkeit zu präsentieren, als würden die Artisten täglich mit der Devise geweckt: Das ist kein Sport, sondern Spaß. Die Truppe, die nun am Hackeschen Markt gastiert, hat die Leichtigkeit zum Gesamtkonzept erhoben. Dafür nutzt sie einen einfachen Trick, den der Volksmund unter dem Motto „Mit Musik geht alles besser“ kennt. Es ist eine regelrecht durchkomponierte Show, mit einem Rhythmus, der den Zuschauern reflexhaft die Knie zucken lässt, mit handgemachtem Jazz, der den New-Orleans-Stil aufgreift und mit Kontrabass, Saxofon, Posaune, Ukulele und Schlagzeug auch so instrumentiert ist. Den könnte man sich auch in einem Club anhören.

Die fünfköpfige Uncanny Carnival Band agiert kaum mal als Begleitung, sondern meist als Teil des Bühnengeschehens, auch körperlich.  Der Bassist spielt besonders ausgelassen, wenn er auf seinem Kontrabass steht. Sein Kollege sorgt für Begeisterung, als er die Ukulele gegen einen mit einer Saite bespannten Schrubber austauscht.

Die auf die Musik choreografierten akrobatischen Nummern gehen ineinander über oder werden durch Gruppenszenen verknüpft. Einmal sieht es so aus, als würden die sechs Artisten sich prügeln, sie schleudern sich gegenseitig mit abgezirkelten, zum Teil zeitlupenhaft langsamen Bewegungen durch die Gegend, springen sich an, rollen übereinander her. Ein anderes Mal scheint es, als wäre einer zufällig mit dem Fahrrad vorbeigekommen, das er nun in engen Kreisen um den zuvor benutzen Tisch fährt. Bald ist er nicht mehr allein auf dem Rad, dann lösen ihn zwei Frauen ohne großen Aufwand mitten in der Fahrt ab, er stellt sich an die Seite, um kurz darauf  – aus dem Stand! – geradewegs über die beiden Radfahrerinnen zu springen.

In der spektakulärsten Nummer kommt dieser Artist mit einer langen Holzstange auf die Bühne, das Gerät heißt chinesischer Mast, nimmt den Mast hoch, stellt das eine Ende senkrecht auf eine Schulter und ein zweiter Akrobat turnt dann daran. Natürlich hat man das auch schon mal gesehen, doch hier schwingt sich der Mann in der Luft im Wechsel  langsam und  schnell hoch und runter, er klettert und stoppt, benutzt den Mast auf der Schulter seines  Partners,  als wäre es eine im Boden verschraubte Pole-Stange – unvorstellbar, aber wahr.

Unnötige Unterhosen

Das Chamäleon hat einen tollen Fang gemacht mit der Truppe, die sich die ganze Zeit so freundlich rhythmisch bewegt. Die Stimmung ist anhaltend entspannt, weil die Musik unterhält, weil die Soli der einzelnen Musiker elegante Hörschleifen bilden, weil diese Form des Jazz ohne Extreme auskommt. Die Artisten arbeiten viel nur mit ihren Körpern oder mit ausgefallenen Gerätschaften wie eben Kisten und Flaschen. Das eher zirkustypische Zubehör setzen sie äußerst genau ein. So ist ja der Bühnenraum des Chamäleon nicht eben hoch. Die Company 2 bringt aber ein Sprungbrett zur Anwendung, schleudert einzelne Männer und Frauen nur um Handbreite nicht zu hoch, dass jeder Sprung die Nerven kitzelt, aber sicher beendet wird.

Am Bühnenhintergrund hängen geraffte Stoffbahnen in gedecktem Rot und Weiß, das wirkt wie ein Zitat des klassischen Zirkus’.  Das Licht taucht die Szenen in gemütliche Baratmosphäre. Hier glitzert nichts, aber manchmal fliegt Konfetti.
Irgendwo müssen die Erfinder der Show gehört haben, dass ein Erwachsenenzirkus auch ein bisschen Erotik brauche, doch dann haben sie sich in der Kostümwahl vergriffen. Zwei oder drei Mal sieht man angegraute Schlabberunterhosen, eher traurig als witzig. Und ein Artist präsentiert sich einmal von hinten mit Stringtanga und von vorn mit Plüschtoupet. Na ja. Insgesamt wirkt es eher sympathisch, dass dieses Programm weitgehend auf Comedy-Elemente verzichtet, die Artisten lieber ein Lächeln hervorlocken als schnelle Lacher. Die ausgestellte Spielfreude überträgt sich en passant. Das Premierenpublikum am Donnerstag wirkte beglückt.