Juliette Gréco (1927–2020).
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Mitte der 60er-Jahre gelang es der bis dahin vor allem in Frankreich berühmten Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco, gerade auch eine Generation heranwachsender Deutscher zu erschrecken. Der in dem berühmten Pariser Museum Louvre spielende Mehrteiler „Belphégor oder das Geheimnis des Louvre“, der 1967 auch im Vorabendprogramm der ARD ausgestrahlt wurde, war eine Art Grusel-Krimi, in dem eine geheimnisvolle Schattenfigur die heiligen Hallen des gediegenen Kunsttempels unsicher machte. Die besondere Spannung ging dabei vor allem aus der Frage hervor, wer sich wohl hinter dem Phantom verberge und worin dessen Schicksal bestehe.

Es war die Zeit, in der es möglich war, Fernsehgeheimnisse zumindest vorübergehend zu bewahren, und die Tatsache, dass Belphégor ausgerechnet von der trotz ihrer rauen Stimme eher zerbrechlich wirkenden Muse der französischen Existenzialisten gespielt wurde, verlieh dem „Straßenfeger“ eine ganz besondere Note. Die Lebensart der Pariser Intellektuellen hatte in dem Museumsgespenst eine düstere Gestalt angenommen. Oder war es bereits eine ironische Volte der Zeitgeschichte, dass die Sängerin, die als Frau in Schwarz berühmt geworden war, als unruhiges Mysterium durchs Museum irrte?

Die künstlerische Karriere der 1927 in Montpellier geborenen Juliette Gréco war früh von der Gewalt der Geschichte gestreift worden. Sie hatte in Talentwettbewerben bereits erste Erfolge gefeiert, als ihre Mutter, die in der französischen Widerstandsbewegung Résistance aktiv war, 1943 mit ihren beiden Töchtern von der Gestapo verhaftet wurde. Während Mutter und Schwester in das KZ Ravensbrück gebracht wurden, wo sie schließlich überlebten, wurde Juliette aufgrund ihres Alters nach wenigen Wochen wieder freigelassen.

Nach dem Krieg versuchte sie, sich als Sängerin durchzuschlagen, und gründete 1946 den Kellerklub „Tabou“ im Künstlerviertel Saint-Germain des Prés, der bald zum Treffpunkt der Pariser Bohème wurde. Der Schriftsteller Boris Vian („Der Schaum der Tage“) spielte dort Trompete, und Jean-Paul Sartre lockte allein durch seine Anwesenheit weitere Prominenz an.  Er sei es auch gewesen, der Juliette Gréco zum singen gebracht habe. Sie selbst schilderte es so. „Er sagte: Sie müssen singen, sie haben eine schöne Stimme! Gleich für den nächsten Morgen bestellte er mich zu sich und suchte Texte für mich heraus. Er war es, der mich auf die Welt brachte.“ Die Gréco sang, und bald schrieben Albert Camus, Françoise Sagan, Jacques Prévert sowie Sartre Texte für sie. Mit Chansons wie „Si tu t’imagines“ oder „L’Éternel féminin“ erzielte sie Ende der 40er-Jahre Hits, und nach einigen Rollen am Theater zu Beginn der 50er-Jahre begab sie sich auf Tourneen durch die USA und Brasilien. Ab Mitte der 50er-Jahre schien für eine Frau von solch verführerischer Eleganz der Film unausweichlich.

Ihre erste große Rolle spielte sie in Jean-Pierre Melvilles „Quand tu liras cette lettre“, und in der Hemingway-Verfilmung „The Sun Also Rises“ trat Juliette Gréco neben den Hollywood-Stars Ava Gardner und Errol Flynn auf. In den 60er-Jahren kehrte sie verstärkt zum Chanson zurück, und ein nicht geringer Anteil wird ihr an der künstlerischen Entdeckung von Serge Gainsbourg zugeschrieben, der in den späten 60er-Jahren zum „Enfant terrible“ des französischen Pop avancierte.

Ihr Privatleben vermochte sie mitunter kaum von ihrem öffentlichen Leben zu trennen. Juliette Gréco war dreimal verheiratet. Aus einer ersten Ehe (1953 bis 1956) mit dem Schauspieler Philippe Lemaire ging deren gemeinsame Tochter Laurence Marie hervor. Von 1966 bis 1977 war sie mit dem französischen Schauspieler Michel Piccoli verheiratet, 1989 trat sie mit dem Pianisten Gérard Jouannest, der für Gréco zahlreiche Chansons komponierte, vor den Traualtar.

Spätestens seit den 60er-Jahren galt Juliette Gréco als Grand Dame der französischen Kunstwelt, die als Sängerin wohl deshalb nie so populär und volksnah war wie Edith Piaf, weil die Gréco trotz aller Anziehungskraft immer auch kühl und reflektiert wirkte. Ihre existenzialistische Aura war eben nicht nur eine Pose, sondern ging aus der Haltung der Distanziertheit hervor. „Sie tritt nicht auf, sie kommt herein, langsam, aufrecht und zugewandt, in Kaskaden von schwerem schwarzem Samt gehüllt, empfangen von ihren beiden Musikern, ihrem Ehemann Gérard Jouannest am Flügel und Jean-Louis Matinier am Akkordeon.“ So beschrieb Christina Bylow in der Berliner Zeitung ihren Auftritt im Admiralspalast im Jahre 2015, da war die Gréco bereits 88 Jahre alt. „Das Publikum erhebt sich“, fährt Christina Bylow fort, „in Respekt vor einer Frau, die nie ein populärer Star war, sondern immer auch Unabhängigkeit und Intellektualität ausstrahlte, eine Diva mit Eigenschaften.“ Am Mittwoch ist Juliette Gréco im französischen Ramatuelle im Alter von 93 Jahren gestorben.