Sebastian Krämer ist ein charmanter Hans-guck-in-die-Luft.
Foto: Gerald von Foris

BerlinKann sein, dass sein Himmel manchmal voller Geigen hängt, denn Sebastian Krämer ist ein Mensch mit dem Talent zum Glücklichsein. Das ist für einen Kabarettisten und Liedermacher nicht unbedingt selbstverständlich, zehren viele in dieser Branche doch eher von ihrer Melancholie oder ihrem Kulturpessimismus.

Nicht, dass Krämer, vor 44 Jahren in Ostwestfalen geboren, davon gänzlich frei wäre. Wichtig ist ihm jedenfalls die Balance zwischen den unterschiedlichen emotionalen Zuständen und die Spannung zwischen Euphorie und Schwermut. Das würde er freilich nie auf diese Art äußern, er pflegt eine feinere Art des Ausdrucks: „Wovon träumst du wohl gerade?/ Ist’s ein schöner Traum, mein Schatz? /Wohin führen dich Morpheus Pfade? /Ich bin da und mach Rabatz!“ heißt es etwa in „Wovon träumst du“, oder: „Wir wurden in Wolfsmilch gebadet/und hat’s uns vielleicht geschadet/Komm wir gründen ’ne Band / oder ich werd’ Präsident“ in „Mein Bruder“ (2015). Im Grunde, sagt er am Telefon, geht es ihm so, wie es Friedrich Hollaender in seinem Chanson „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ geschrieben hat: „Denn sobald ich gar zu glücklich wäre,/ Hätt ich Heimweh nach dem Traurigsein.“

16 Streicherinnen und Streicher

Seit über 25 Jahren steht Sebastian Krämer bereits auf allen möglichen Kleinkunstbühnen und wurde mit zahlreichen Ehrungen vom Deutschen Kabarettpreis bis zum Deutsch-Französischen Chanson-Preis gewürdigt. Das Markenzeichen des so geistreich-witzigen wie musikalisch-virtuosen Kabarettisten mit der geschärften Edelfeder ist die doppelt bis dreifach gebundene Krawatte. Sie verleiht seinem gesittet-gediegenen Aussehen die exzentrische Note.

Meist begleitet sich Krämer beim Singen selbst am Klavier – leicht, luftig, amüsant. Aber für drei Auftritte in der Bar jeder Vernunft hat er sich nun zur Unterstützung rund 16 Streicherinnen und Streicher geholt. Deshalb heißt dieses Programm aus alten und neuen Liedern „Das Beste gestrichen“, also von ersten und zweiten Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässen interpretiert, die Burkhard Götze als „Sonnenunter-Gang“ leitet. Bloß was ist das Beste, das er je geschaffen hat?

„Na ja, darüber kann man lange streiten“, meint er fröhlich, und welche Songs er dann auf seine nächste CD – mit Streicherarrangements – übernehmen wird, ist noch nicht sicher: „Man muss die Dinge einfach mal ausprobieren und prüfen, wie sie vor Publikum klingen.“ Und wie werden all diese Musikerinnen und Musiker und ihre Instrumente auf die nicht gerade riesige Bühne in der Bar jeder Vernunft passen?

Kann sein, dass ein paar in den vorderen Logen sitzen und nach hinten ist außerdem genug Platz: „Das klappt schon“, bleibt Krämer, der erprobte Optimist, gelassen. Er kennt den Betrieb außer von seinen vielen Auftritten auch als Co-Direktor des Zebrano-Theaters in Friedrichshain, das er 2005 zusammen mit Hans-Kaspar Aebli gegründet hat. Dort moderiert der Chansonnier weiterhin an jedem ersten Sonntag im Monat den „Club Genie und Wahnsinn“ mit wechselnden Gästen.

Gern über Bande

Am wichtigsten ist dem dreifachen Familienvater in seinem Arbeitsleben allerdings das Dichten und Musizieren, ohne das wäre er nicht so glücklich wie jetzt. In seinen Liedern erzählt er, poetisch und ironisch gefärbt, wie ein geübter Billardspieler gern über Bande, also indirekt ins Ziel findend. In seiner Kompositionen ist ihm dagegen die offene Emphase nicht fern, und das sollen demnächst die Streicher zeigen, die – über die Ohren hinaus – in unseren Herzen starke Gefühle und romantischen Schmelz respektive Schmalz auslösen. Verbirgt sich da eventuell ein Schatten von Roy Black hinter dem eloquent-geschliffenen Liedermacher mit seiner abständigen Beobachterpose?

„Nein, hoffentlich nicht!“, fleht Krämer entsetzt, doch ganz ohne Druck auf die Emotionsdrüsen geht eben auch seine kreative Chose nicht. Und wenn es in seinem Lied „Flugzeuge über meinem Garten“ sophisticated heißt, „Ich schau ja nur“, ist das mehr als eine Zeile. Denn „der eigene Blick“ ist das Wichtigste für einen Künstler, „die subjektive Perspektive und der persönliche Ausdruck“. Ob mit oder ohne Geigen, Sebastian Krämer ist ein charmanter Hans-guck-in-die-Luft, der dem Großen im Kleinen schmeichelt und das Kleine breitwandig-vollinstrumentiert abendfüllend auszubreiten versteht: Das Beste nicht weggestrichen, sondern unterstrichen.

Mi, 15., Do 16., Sam 18.1., jew. 20 Uhr, Bar jeder Vernunft, Tel. 883 15 82.