Blick in die Ausstellung „Chaos & Aufbruch“.
Foto. DAVIDS/Sven Darmer

Berlin - Orangerot flammend frisst sich Berlin im ersten Video der neuen Ausstellung des Stadtmuseums „Chaos & Aufbruch“ in sein Brandenburger Umland, erst zögerlich mit den ersten Stadterweiterungen des mittleren 19. Jahrhunderts, dann 1920 als Flächenbrand: Um das 13-Fache erweitert sich das Alt-Berliner Stadtgebiet. Vor 100 Jahren entstand per Beschluss des preußischen Abgeordnetenhauses die neue Stadt Groß-Berlin. Besser gesagt: Berlin. Groß nämlich, darauf hatten die bis dahin selbständigen Kommunen Charlottenburg, Neukölln, Schöneberg, Lichtenberg, Wilmersdorf, Spandau und Köpenick, 59 Dörfer und 27 Gutsbezirke bestanden, sollte die Stadt nicht genannt werden. Ein letzter, schnell überwundener Rest von märkischer Bescheidenheit?

Die Ausstellungseröffnung war eigentlich schon für April geplant, coronabedingt sind auch jetzt nur straff limitierte Besucherzahlen möglich. Schließlich gibt es Räume im verwinkelten Märkischen Museum, die nur eine Person gleichzeitig aufnehmen dürfen. Handschuhe aus Plastik werden gleich am Eingang gereicht, damit man die vielen Bildschirme überhaupt hygienisch einwandfrei bedienen kann. Auch dann ist diese von dem Berliner Büro Molitor entworfene Ausstellung nämlich ein sinnliches Erlebnis, mit mal hellen und mal dunklen Räumen, großartig angeordneten Objekten, die den etwas verwinkelten Rundgang leiten, bis hin zu den tollen Holzmodellen, die im zweiten Teil, der die aktuellen Fragen Berlins behandelt, zeigen, dass diese Stadt, wenn sie denn nur wollte, zu einer Holzstadt werden könnte.

Die größte Stadt der Welt (fast)

Sei’s drum. Kaum zu glauben, dass nur etwa 100 originale Objekte ausgestellt werden, vom blauen Bauernstuhl aus der Arbeiterwohnung über die coole Reformküche aus Bruno Tauts Onkel-Tom-Siedlung, tolle Plakate und Postkarten, einen historischen Badeanzug – offenbar ganz wichtig: ohne Zwickel im Schritt gefertigt! – bis zum Hanomag-Auto, das der erste Schritt Deutschlands zur amerikanischen Massenautomobilisierung war. Mit nun 3,8 Millionen Einwohnern war Berlin nach London und New York die bevölkerungsreichste, mit 878 Quadratkilometern nach Los Angeles die flächengrößte Stadt der Welt, übertraf selbst Peking, Kalkutta oder Tokio. Die schiere Größe der neuen politischen Einheit war ein Anspruch: Berlin, so dachten die Planer damals, sollte auf sechs, ja, auf neun Millionen Einwohner wachsen.

Also Groß-Berlin. Mit neuem Verkehrssystem, in dem die BVG als größter Nachverkehrsanbieter der Welt entstand, große Park-, Sport- und Freizeitanlagen wie das Wannsee-Bad, vor allem aber der neue Wohnungsbau – Kellerwohnungen wurden verboten, grüne Höfe geboten, bis 1933 konnten nach dem Ende der Inflation 1924 mehr als 170.000 Wohnungen gebaut werden, zu 90 Prozent öffentlich gefördert. Die Wohnungsnot aber wurde kaum gelindert, viele der neuen Wohnungen waren zu teuer und die vielen nach Berlin strömenden Neubürger brauchten auch ihren Platz.

Das klingt so vertraut wie die Klagen der Planer in der Kaiserzeit über zu viele Behörden, Instanzen, Mitsprache verlangende Bürger und Politiker. Berlin wächst und kommt mit seinen Strukturen nicht hinterher. Immer wieder wird die Parallele zum Heute in der Ausstellung aufgemacht, das ganze zweite Geschoss ist in einer stark videolastigen Inszenierung dem Thema gewidmet: Wie könnte eine moderne Verwaltung aussehen, was ist Berliner-Sein heute eigentlich, wie könnte die grüne Metropole aussehen, wie das Zusammenleben auf und mit dem Brandenburger Umland?

Keine Berlin-Ausstellung ohne Leierkasten.
Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Und doch: Auch diese spannende Ausstellung ist letztlich wieder nur eine Neuauflage jener von überragenden und übel verleumdeten Politikern vor allem der SPD herbeigeführten Erfolgsgeschichte, die seit 1920 in jedem Berliner Schulbuch zu lesen ist. Das ist mindestens erstaunlich, eigentlich ärgerlich. Wo bleibt die kritische Distanz? Es waren nicht nur die „wohlhabenden“, die „bürgerlichen“ Bezirke Zehlendorf und Frohnau, die sich gegen die Vereinigung wehrten, sondern auch die Arbeiterstadt Spandau und Köpenick im späteren Ost-Berlin.

Gezeigt wird eine Stadt aus einem sozialdemokratisch gefärbten Guss. Aber das eigentlich Besondere der Berliner Politik in den 1920er-Jahren war ihre Vielfalt, nicht zuletzt erzwungen durch die Vielfalt der Bezirke. In Frankfurt, Hamburg, Stuttgart, Leipzig oder München gab es einheitliche Stile – in Berlin agierten nicht nur die links-genossenschaftlichen und städtischen Wohnungsbauunternehmen, sondern auch die von den Kirchen, von Beamtenverbänden und -genossenschaften, vom preußischen Staat oder erzreaktionären Veteranenverbänden.

Kulturelle Verarmung durch Effizienz

Es fehlt jeder Vergleich, jeder Maßstab. Fast alles, was hier der Weimarer Republik zugeschrieben wird, gab es schon in der Kaiserzeit, vom Naturschutz bis zum modernen Massenwohnungsbau und der Anlage von Freizeitbädern. Es fehlte nur noch die Verwaltungsreform. War diese wirklich das Besondere des zweifellos einzigartig aufregenden neuen Berlins? Warum gelang diese am Vorbild von New York City, das 1898 entstanden war, orientierte Vereinigung, scheiterten aber alle anderen ähnlichen Projekte etwa in Halle-Leipzig, im Ruhrgebiet, in Nürnberg-Erlangen? In der Ausstellung zeigt ein Tourismusplakat Paris, London, Mailand, Rom, Madrid, Prag – als Hauptstadt der demokratischen Tschechoslowakei in den 1920ern geradezu eine Schwesterstadt Berlins – und New York als Ausgangspunkte einer Reise nach Berlin. Die Kuratoren um Gernot Schaulinski aber verweisen nur auf die für Oktober angekündigte Ausstellung des Architekten- und Ingenieursvereins, um über Vorläufer und Konkurrenzmuster zu debattieren. Das ist zu wenig.

Und sie fragen nicht einmal ansatzweise – das aber wäre für die kommenden Debatten zentral! –, ob diese große Vereinigung auch ein Erfolg war. Seit etwa 1924 sei die „Zugehörigkeit nicht mehr in Frage gestellt“ worden. Aber wann hätten die Bürger denn wieder ihre Eigenständigkeit verlangen können? In der Weltwirtschaftskrise? In der Nazizeit? In der DDR? Im eingemauerten West-Berlin? Als 1989 die Grenzen aufgingen, kam jedenfalls umgehend mindestens in Spandau und in Köpenick die Debatte auf, ob man als brandenburgische Kommune nicht vielleicht besser führe denn als Stadtbezirk Berlins. Im Ruhrgebiet oder in Mitteldeutschland hätten Städte mit 350.000 Einwohnern schließlich eigene Stadttheater, Kongresszentren, Kunst- und Kulturhistorische Museen, Kunsthallen, die wie jene in Essen oder Halle internationale Ausstellungen und damit Touristen anziehen könnten. Sicher war Groß-Berlin überwiegend ein Erfolg – aber eben auch Teil einer kulturellen Verarmung im Interesse effizienteren Verwaltungs- und Wirtschaftshandelns. Auch deswegen wurde es nie zu einem Vorbild, blieb Sonderfall.