Nach „mehr als einem Jahrhundert“ werde Charles Aznavour erstmals wieder auf eine deutsche Bühne zurückkehren: So hatte die Webseite der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof auf Englisch das Konzert angekündigt, das der französische Chanson-Star dort am Donnerstagabend gab.

Gemeint gewesen war natürlich seine Rückkehr nach über einem Jahrzehnt.

Angesichts Aznavours würdigen Alters – er wurde am Tag des Konzerts 90 Jahre alt – war das zweifellos ein sehr hübscher Patzer. Aber vielleicht auch eine Formulierung, die dereinst gar nicht unrealistisch ist: Manch junger Chansonnier oder Popmusiker von heute wird doch, so er sich brav an seine makrobiotischen Hipster-Ernährungspläne hält, bestimmt einmal an die 130 Jahre alt und könnte dann im Jahr 2115 noch einmal eine Bühne betreten, um musikalisch sein Leben Revue passieren zu lassen.

Strahlende Melancholie

Jugend und Alter, das waren – wohl zwangsläufig – die Themen des Abends. Dabei fiel auf: Ganz schlecht ernährt haben kann sich Aznavour im Laufe seines Lebens auch nicht: Nur wenige 90-Jährige würden jedenfalls wie er über anderthalb Stunden lang auf der Bühne stehen, geschmeidig tanzen, technische Pannen mit Witz und Charme überbrücken und vor allem noch verhältnismäßig kraftvoll singen. Wobei sich Aznavours einst so markant rauer Tenor inzwischen zum Bariton gewandelt hat, dessen Tremolo etwas von seiner chanson-typisch dringlichen Hochfrequenz eingebüßt hat – zugunsten einer gelegentlich etwas gepressten Mittelgeschwindigkeit. Aber egal: Auch mit Alterstimbre transportierte Aznavour die strahlende Melancholie seiner Chansons.

Jenes Traurige und gleichzeitig Schalkhafte war es wohl, das Edith Piaf 1946 so am jungen Sohn zweier armenischer Immigranten in Paris beeindruckte. Sie überredete Aznavour, ihr in die USA zu folgen, wo er Tourneen mit ihr absolvierte. Für eine Weile ließ er sich in Montreal nieder, wo er ein erstes eigenes Publikum fand. Seit 1953 schreibt und singt er in mehreren Sprachen unzählige Millionen-Hits wie „La Boheme“ oder „Hier Encore“ und belegt die Chanson-Mollakkordfolgen mit federleichten und doch schwer tragenden Melodien. Auch hat er in zahlreichen Filmen mitgespielt – nicht zuletzt die Hauptrolle in François Truffauts Nouvelle-Vague-Gangster-Stück „Schießen Sie auf den Pianisten“.

Ähnlich wie die Regisseure der Nouvelle Vague eckte Aznavours offener Umgang mit Sexualität in seiner früheren Karriere gelegentlich an – dem Berliner Publikum erklärte er, kaum ein Volk benutze seit jeher so viele dreckige Worte wie die Franzosen und opponiere gleichzeitig gegen deren Verwendung in den Texten seiner Lieder so stark. Das habe er stets ignoriert. Zum Beweis boten Aznavour und seine neunköpfige Begleitband eine schön rotzige Siebziger-Jahre-Disco-Rock-Version des Chansons „Mes Emmerdes“ dar, dessen fäkalwortintegrierender Titel so etwas wie „meine schwierigen jungen Jahre“ bedeutet. Bei seinem einst kontroversestes Hit, „Comme ils disent“, in dem er 1971 als einer der ersten Mainstream-Sänger Homosexualität offen ansprach und Homophobie anklagte, bediente sich Aznavour der gleichen zurückhaltenden Gestik, die schon seine Aufführungen des Stücks während der Siebzigerjahre sehr viel effektiver begleitete als theatralisches Armwedeln es je vermocht hätte.

Überhaupt zeigen einige Blicke auf Youtube-Videos älterer Bühnenauftritte, dass Aznavour über die Jahrzehnte hinweg viele Details seiner minimalistischen Choreografie beibehalten hat, so etwa das Spiel mit einem Taschentuch im Stück „La Boheme“. Gegen Ende des Lieds eilten denn auch zwei ältere weibliche Fans aus dem Publikum an den Bühnenrand, denn sie wussten: Gleich würde das Taschentuch weggeworfen werden. Sie fingen es auf. Schön!

Doch stand der Abend nicht im Zeichen der reinen Reproduktion. Die zwei zentralen Momente des Auftritts handelten von dem altersbedingt veränderten Blick auf die Jugend. Zunächst geschah dies im Duett mit Aznavours Tochter Katia, die ansonsten als eine von zwei Background-Sängerinnen agierte und mit ihrem Vater im 2003 erschienenen Lied „Je Voyage“ eine Begegnung zweier Reisender darstellte: einer jungen, in die Zukunft aufbrechenden Frau und eines alten, in die Erinnerung zurückkehrenden Mannes. Das mag man kitschig finden, auf der Bühne war es bewegend.

Noch bewegender allerdings war die Darbietung von „Sa Jeunesse“. 1956 besang der damals 32-jährige Aznavour darin bereits etwas wehmütig die Turbulenzen der Jugend. Auf der Berliner Bühne trug er es zunächst in Gedichtform und dann als Ballade, nur von Klavier begleitet, vor. Diese musikalisch gefällige Meditation über die Vergänglichkeit allen Lebens stellte gleichzeitig den altersmildesten und schonungslosesten Moment des Abends dar – und kontrastierte das fröhliche „Happy Birthday“, das zu Beginn des Konzerts spontan im Publikum angestimmt worden war.