Charles Bukowski
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Er war kein Beatnik und kein Hippie, mochte keine Rockmusik, dafür liebte er Klassik und Pferdewetten. Seine Sprache war so direkt, dass sie vielen vulgär erscheint. Sein Einfluss auf die Populärkultur ist gewaltig. Eine ganze deutsche Generation hat sich durch ihn den Gebrauch von Schimpfwörtern wie Fuck, Shit, Cocksucker und Motherfucker angewöhnt.

Was wäre, wenn der amerikanische Schriftsteller Charles Bukowski nicht 1994 im Alter von 73 Jahren gestorben wäre, sondern noch immer schreiben und trinken würde? Es ist schwer vorstellbar, dass der Saufbold und Glücksspieler mit seinen alkoholischen Exzessen, von ihm selber und vielen Zeitgenossen ausführlich bezeugt, ein biblisches Alter von 100 Jahren hätte erreichen können. Bukowski hat seine Lebens- und Alkoholkrankengeschichte in nicht weniger als sechs Romanen und ungefähr 50 Büchern, in Kolumnen, Kurzgeschichten, Briefen und Gedichten so genau ausgebreitet, dass es ihn zu einem der notorischsten Trinker der Weltliteratur gemacht hat.

Es muss eine Spekulation bleiben, welche Entwicklung sein Schreiben noch hätte nehmen können. Seine Gedichte, meistens nur durch das Layout von seiner Prosa zu unterscheiden, waren in seinen letzten Veröffentlichungen zu Lebzeiten immer knapper und treffender geworden, sodass sie bis auf die Knochen abgemagert wirkten: Literatur ohne ein Gramm Fett, aber noch mit viel muskulösem Fleisch. Eine Steigerung in dieser Richtung ist schwer vorstellbar.

Hätten Bukowski mit und nach #metoo Sexismusvorwürfe getroffen? Anlässe dafür lassen sich in seinem Werk und seinem Leben viele finden. Auf Film kann man bis heute einen gewalttätigen Streit mit seiner späteren Ehefrau ansehen, auch eine frühere Freundin berichtet glaubhaft von körperlicher Misshandlung.

Bukowski der Frauenfeind und Schläger? Seine Freundinnen, Frauen und Leserinnen streiten es ab. Auch seine sensiblen Liebesgedichte sowie seine innigen und zärtlichen Beschreibungen von Frauen machen es unglaubhaft, dass er sie ernsthaft verachtet und erniedrigt hat. Vielmehr entsteht der Eindruck eines profunden Frauenverstehers und -verehrers. Vermutlich ist das der Grund, dass Bukowski nie zum großen Feindbild der Feministinnen werden konnte. Eher strafen sie ihn mit Missachtung.

Die Erklärung für seine Zwiespältigkeit ist die Herkunft aus dem deutschen Einwanderer-Milieu der 20er-Jahre. Damit wirkte er auch schon in der Zeit von Flowerpower und der Revolution in der Kopiertechnik seit den 60er-Jahren wie ein Fossil oder Dinosaurier.

Der dunkle Bukowski – W. C. Fields, Nietzsche und Richard Wagner näher als Mickey Mouse und Elvis Presley – ist einer der Schlüssel seines Erfolges. Slapstick-Humor findet man bei Bukowski verbunden mit einem zutiefst pessimistischen Blick auf die Menschheit. Ohne den Humor, die Ironie und die Zärtlichkeit seiner Schilderungen von Menschen wäre Bukowskis Literatur eine zu bittere Kost für breiten Erfolg. Aber durch das Lachen der Leser bleibt ihnen nichts davon im Halse stecken.

Bukowskis frühe Lebensgeschichte, sein Aufwachsen als deutscher Außenseiter in Los Angeles und seine autodidaktische Bildung zum Trinker, Gelegenheitsarbeiter und Schriftsteller faszinierte zuerst die deutsche Jugend. Hier war eine Großvatergestalt ganz unverdächtig der Teilnahme an Kriegsverbrechen und stattdessen ein Verlierer, mit dem verglichen auch die eigene Durchschnittsexistenz noch einen gewissen Glamour ausstrahlte.

Wäre Bukowski noch unter uns, wäre die Diskrepanz zur Gegenwart noch auffälliger, denn Bukowski wuchs auf in der Stummfilmzeit, sein Bild der Welt und auch der Frauen war das eines Mannes von 1940. Der „dirty old man“ war schon in der Zeit, als er erst in Deutschland und Europa, dann aber auch in Los Angeles, den USA und der ganzen Welt bekannt wurde, ein Macho aus einer vergangenen Epoche. Er war schon vor den Beat-Autoren da und auch noch lange nach ihnen. Er teilte nicht den Glauben der Blumenkinder an den Frieden durch Liebe, sehr wohl aber das Bedürfnis nach Sex.

Bukowskis wichtigste literarische Vorbilder waren John Fante, James Thurber, Ernest Hemingway und politisch so rechtsextreme und antisemitische Literaten wie Louis-Ferdinand Céline und Knut Hamsun. Einige von ihnen konnte Bukowski übertreffen, so sind seine Werke tiefer als die von Thurber und humoristischer als die von Fante und Hemingway.

Seine Lesungen waren eher Bühnenshows und erinnerten in den großen, ausverkauften Sälen an Konzerte und nicht an besinnliche Gedichtrezitationen. Sein Honorar dafür betrug in den 80er-Jahren fantastische 10.000 Dollar, aber auch die schlug er aus, als die Tantiemen für seine Bücher allein ihm für ein gutes Leben mit Auto, Haus und vielen Katzen reichte.

So ernst und wichtig er in Deutschland und Europa genommen wird, so wenig gilt er bis heute in den USA. Zu erklären ist das durch den behaupteten und tatsächlichen Sexismus, aber auch durch Bukowskis offene Verachtung für den akademischen Betrieb, der sich genauso revanchiert. Dabei schießen die amerikanischen Literaturwissenschaftler weit übers Ziel hinaus, wenn Bukowski nicht nur in normalen literarischen Nachschlagewerken unterschlagen wird, sondern auch in solchen über explizit proletarische Autoren. Immerhin erscheinen weiterhin seine Bücher und werden massenhaft gekauft und gelesen.

Im Juni sollte der 100. Geburstag in Bamberg mit einem großen Festival, unter anderem mit Bukowskis Tochter Marina, der Lyrikerin Nora Gomringer und den Bamberger Symphonikern, gefeiert werden. Organisiert von Roni, dem Vorsitzenden der Charles-Bukowski-Gesellschaft, aber das Festival musste aus bekannten Gründen aufs kommende Jahr verschoben werden.

1996 habe ich diese Gesellschaft ins Leben gerufen. Aktivisten wie Roni ist es zu verdanken, dass es sie noch immer gibt und sie sogar in dieser komplizierten Pandemie aktiv bleibt. Denn die Mitglieder erreichte als Trost angesichts des nicht stattfindenden Treffens 2020 eine Sonderpublikation mit dem Titel „Charles Bukowski Timeline“. Über die Leben vieler Großer und Mächtiger sind Chroniken verfasst worden, nun gibt es eine „synchronoptische“ Übersicht in gedruckter Form auch über Bukowski, die in anderthalb Jahrzehnten von Michael J. Phillips auf bukowski.net zusammengetragen und aktualisiert wurde.

Falko Hennig ist seit 1995 ständiges Mitglied der Reformbühne Heim & Welt und tritt außerdem auf den Berliner Lesebühnen auf. 2018 erschien sein Roman „Rikscha Blues“ (Omino).