Charlotte Aitchison alias Charli XCX im Friedrichshainer Astra
Foto: Roland Owsnitzki/Votos

Berlin - FriedrichshainDas Live-Konzert ist eine relative Kategorie im aktuellen Pop. Zwar bringen mittlerweile selbst  studiotechnisch höchstgestylte Acts wenigstens eine Art Alibiband mit. Aber für die Musik braucht es sie meist nicht. Im digital gedopten Pop von Künstlerinnen wie Charli XCX, die am Sonnabend im Friedrichshainer Astra auftrat, erinnert praktisch nichts an analoge Sounds – weshalb der Konzertablauf wesentlich vorproduziert ist. Wo mittlerweile auch die Stimmen durch  technologische Effekte optimiert und verfremdet werden, steht also die Performance, meist verstärkt durch Tänzer und austatterische Akzente, im Zentrum.

Als erste Überraschung des Konzerts könnte man daher Charlotte Aitchisons, so XCXens Klarname, Konsequenz (oder Mut) bewundern, knapp anderthalb Stunden allein auf der Bühne zu stehen. Statt Videoscreens oder Blendbauten gab es nur einen transparenten, effektvoll ins Lichtgeballer einbezogenen Würfel in der Bühnenmitte, hinter dem die DJ-Pulte sich verbargen.

Keine Garderobeneffekte, Musik aus dem Computer

Gelockt von enthusiastischen „Charli“-Rufen und heftigen Nebeln springt Aitchinson elastisch und offenbar gut aufgewärmt auf die Bühne: Sie wird dort unablässig traben, federn, rennen und bouncen, und sie setzt noch nicht mal Garderobeneffekte: Zu Beginn trägt sie zum wippenden  Pferdeschwanz ein bauchfreies Sprinterinnen-Outfit mit einem blauem Schleier um die Schultern und an den Beinen Cowboychaps. Letztere zieht sie später aus.

Die Musik kommt allein aus dem Computer, als schrieben wir – so der letzte, hochinfektiöse und mit entsprechenden Zeitmotiven spielende Titel – „1999“, als die vorläufige Herrschaft des Laptop-Performers gerade in die entscheidende Phase ging. Bemerkenswert ist dieser Hauch Old School auch, weil es sich bei XCXens Musik um die vermutlich modernistischste Popmusik des Overgrounds handelt. Bei ihr treffen sich gradlinigster Popappeal aus zuckrigen Melodiehooks mit abstrakten Geräuschen und Beats aus den Katakomben der Clubs. Sie sei ja irgendwie Pop, dann aber doch irgendwie nicht, dann vielleicht doch, erklärt die 27-Jährige zwischendurch selbst das Rätsel, warum sie seit einigen halben Hits in den letzten Jahren und nunmehr drei Alben noch nicht ganz oben angekommen ist.

Die Unschärfe liegt indes auch an einigen – live nicht repräsentierten – Häutungen, die sie von einem vage experimentellen Synthiesound über Rockeinflüsse zum aktuellen Avantpop führten. Zu diesem kam es offenbar vor allem durch die Produktionsunterstützung von A.G. Cook, dem Chef des PC Music Labels, dessen Produkte sich, grob gesagt, die schroffsten Clubsounds als Bubblegum-Pop vorstellen.

Ein Konzert ohne personelle Unterstützung

Die Entscheidung, ihr Ding alleine durchzuziehen, bekommt aber auch deswegen einen speziellen Nachdruck, weil sie ihr aktuelles Album „Charli“, das sie komplett abspielen läßt, mit einer 13-köpfigen Gästeliste besetzt hat. Diese wiederum liest sich wie ein Who’s Who der musikalischen LBGTQ-Mittelschicht, von der Indiepopperin Chris (tine and the Queens) über den EDM-Popper Troye Sivan und die körperfrohe R&B-Queen Lizzo zur, sagen wir, sexpositiven Rapperin Cupkakke und der schwulen Crossdresserin Big Freedia. Deren „Shake It“ diente in Berlin als Shout Out an die lokale queere Community, die sich mit flamboyanten, genderoffenen Tanzenden darstellen darf.

Am Erstaunlichsten war jedoch, dass man während der ganzen Performance gar nicht auf die Idee kam, etwas zu vermissen – außer vielleicht angenehmeres Wetter, das es dem kreischend partyfrohen Publikum ermöglicht hätte, etwas mehr als nackte Schultern und interessante Frisuren zu zeigen.

Besser lässt sich die Tanzmusik wohl nicht auf die Bühne bringen

Aitchinson trieb uns mit einer furiosen tänzerischen Unermüdlichkeit durch die Tracks, mimte, übernahm oder überspielte die abwesenden Vokalgäste und zappelte bis zur schnaufenden Erschöpfung mit der beneidenswerten Ausdauer einer Athletin. Die Musik schien gegenüber dem Album druckvoll aufgepumpt und hergerichtet, wobei die Songs neben kinnstarkem, hedonistischem Selbstbewusstsein durchaus und oft im gleichen Atemzug auch balladische Zerbechlichkeit und Unsicherheit vermitteln.

Neben den jüngeren Singles, voran die eigentlich sicheren, deutlich auf Konsens gebügelten Hits wie „White Mercedes“, gab es mit dem dröhnenden Hartgummiknüppel „Vroom Vroom“, dem europoppigen „I Love It“ und dem bezaubernd bliependen und blubbernden „Boys“ auch drei etwas ältere Tracks.

Ob es sich um ein gutes Konzert gehandelt hat, mag ich allerdings gar nicht entscheiden. Nur: Besser lässt sich diese gleichermaßen leutselige wie radikal zerschossene Tanzmusik wohl nicht auf die Bühne bringen.