Oft wird dem Satiremagazin Charlie Hebdo vorgeworfen, über die Maßen zu provozieren, über die Grenzen des Erträglichen hinaus zu polemisieren und letztlich den Frieden des Landes und die Ruhe der Menschen zu stören. „Dabei wird oft vergessen“, sagte François Cavanna, einer der Gründer des Magazins einmal, „dass wir nur deshalb existieren.“ An dem Tag, an dem Charlie Hebdo nicht mehr störe, nicht mehr schockiere, nicht mehr wütend mache, könne man das Magazin auch einfach in die nächste Mülltonne werfen.

Außerdem ist die Geschichte komplizierter, weil Charlie Hebdo nicht nur böse, sondern zuweilen auch sehr groß und generös sein kann. Zum Beispiel am 4. November 2011, als das Magazin in seiner 1012. Ausgabe eine Titelbild-Karikatur hatte, die einen muslimischen Gläubigen und einen Zeichner des Magazins bei einem Zungenkuss zeigte. Die Titelzeile lautete: „L’amour plus fort que la haine.“ Die Liebe ist stärker als der Hass.

Das Heft erschien zwei Tage nachdem mutmaßlich islamistische Täter einen Molotowcocktail in die Redaktionsräume im 11. Pariser Arrondissement geworfen hatten. Die Büros brannten aus, die Mitarbeiter zogen um und verloren trotzdem nicht ihren Humor.

Mehr als verbrannte Menschen

Das ist diesmal anders, weil es nicht mehr um verbrannte Büromöbel, sondern um tote Menschen geht. Was an diesem 7. Januar 2015 in der Redaktion von Charlie Hebdo geschehen ist, macht es fast unmöglich, der Liebe oder dem Humor noch eine Chance zu geben.

Die Redaktion ist seit ihrer Gründung 1970 daran gewöhnt, Angriffe abzuwehren. Das Heft wurde mehrmals vom französischen Innenministerium verboten, wurde von Linken und Rechten kritisiert und auch manchmal von den Falschen (der extremen Rechten nämlich) gelobt. Der Verlag ging pleite, rappelte sich wieder auf, die Auflage ging hoch und runter, ebenso die Zahl der Mitarbeiter. 45.000 Hefte werden heute verkauft, zwanzig Mitarbeiter waren noch am Morgen des 7. Januar beim Magazin beschäftigt.

Von den Islamisten gehasst wird die Redaktion spätestens seit 2006, als die Auflage einen Rekord von 400.000 Exemplaren erreichte, weil das Magazin Mohammed-Karikaturen aus der dänischen Zeitung Jyllands Posten nachdruckte und mit eigenen Karikaturen komplettierte. Dem Brandanschlag 2011 ging eine Sonderausgabe (Charia Hebdo) voraus, in dem Mohammed als Chefredakteur im Impressum stand.

Spott für Politiker jeder Coleur

Im September 2012 sorgte erneut der Abdruck von Mohammed-Karikaturen für Aufruhr. Aus Angst vor Anschlägen wurden französische Einrichtungen in einigen Ländern geschlossen. Der Chefredakteur stand seit 2011 unter Polizeischutz, auch einige Zeichner wurden immer wieder von Personenschützern begleitet. Zuletzt wurde allerdings davon ausgegangen, dass die Lage sich etwas beruhigt hat.

Es ist auch nicht so, dass Charlie Hebdo sich nur mit Islamisten beschäftigt. Der Spott des Blattes gilt Politikern jedweder Couleur, Rechtsextremen oder der katholischen Kirche. Wegen einer Papst-Ausgabe fand ein Prozess statt, der vier Monate dauerte. Aber keinem anderen Gegner fiel es bislang ein, die eigene Empörung mit Waffen zu rächen.