Berlinale-Chefs Rissenbeek und Chatrian: „Das Festival ist ein Fenster zur Welt“

Das Leitungsduo spricht über die Filmauswahl, die neue Sektion, neue Festivalkinos, das Coronavirus und seinen Umgang mit den Tücken Berlins.

Berlin-Wir treffen die  Berlinale-Doppelspitze Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian im Renzo-Piano-Hochhaus am Potsdamer Platz.  Es ist die erste Berlinale der beiden, zugleich feiert das Filmfestival sein 70. Jubiläum. Im Vorraum des Büros stehen lauter Kartons mit Geschenken für die Festival-Gäste. Es sind Berlinale-Notizbücher und Berlinale-Schals, gibt die eine Mitarbeiterin Auskunft. Alles ist bereit.

Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian.  
Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian.

Ticktes, Programm: Der Berlinale-Vorverkauf startet

Wie Sommer und Winter

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Berlinale-Besuch?

Carlo Chatrian: Als ich 2003 zum ersten Mal zur Berlinale kam, war das für ein Filmmagazin, um Rezensionen zu schreiben. Da war ich zunächst erschrocken, wie dick der Katalog war mit etwa 400 Filmen. Ich dachte, darauf bin ich gar nicht genug vorbereitet. Nach zwei Tagen war es eigentlich ganz einfach. Das Festival war sehr gut organisiert und ich hatte eine schöne Zeit. Tagsüber war ich im Kino, nachts habe ich die Stadt kennengelernt, zum Beispiel bei den Partys.

Mariette Rissenbeek: Bei mir war es Ende der Achtzigerjahre, ich habe damals für den Verleih Tobis gearbeitet. Wir hatten oft Filme im Wettbewerb. Ich kann mich nicht ganz genau erinnern, wann es das erste Mal war, wahrscheinlich mit „Talk Radio“ von Oliver Stone 1989. Privat war ich oft mit meinem damaligen Freund hier.

Herr Chatrian, Sie kommen vom Filmfestival Locarno. Was ist für Sie der größte Unterschied zur Berlinale?

Carlo Chatrian: Das ist wie Sommer und Winter.

Das ist eine klare Antwort.

Carlo Chatrian: Ich kann schon etwas mehr erklären. Es gibt eine ganze Menge Unterschiede, aber eine sehr wichtige Gemeinsamkeit: beides sind Publikums-Festivals. Das Publikum unterscheidet sich natürlich, weil Locarno eine Art Kino-Dorf ist, zu dem der Großteil der Leute bewusst fahren. Berlin ist eine Millionenstadt, das Interesse ist breiter, es mischen sich Berliner Publikum und das anreisende Fachpublikum.

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Carlo Chatrian.
Foto: Benjamin Pritzkuleit
Der künstlerische Leiter 
Geboren 1972 in Turin, studierte Carlo Chatrian  dort auch Literatur und Philosophie. Er schrieb dann zunächst für verschiedene Filmzeitschriften und veröffentlichte eine Anzahl von Büchern zum Thema Film, etwa zum Kino des Hongkonger Autorenfilmers Wong Kar-Wai. 2002 wurde Chatrian Mitglied im Auswahlkomitee des Internationalen Filmfestivals von Locarno in der Schweiz, 2012 wurde er dessen künstlerischer Leiter. Nun hat er diese Funktion bei der Berlinale inne.

Sommer und Winter: Ist also das eine Festival freundlicher, das andere düsterer?

Carlo Chatrian: Oh, das müssen Sie selbst beurteilen. Die Berlinale ist etwas anders strukturiert, weil es hier nicht nur den Wettbewerb gibt, sondern mehrere Sektionen, den European Film Market und Initiativen wie zum Beispiel Berlinale Talents. Sie funktioniert wie eine Stadt, nicht wie ein Dorf. Die Tonlage wird aber hier wie dort von den Filmen bestimmt. Da kann das Programm mal in Locarno dunkler ausfallen und mal in Berlin.

Ein Film über Wünsche und Verlangen

Am Donnerstag eröffnet die 70. Berlinale mit „My Salinger Year“. Warum starten Sie in das Jubiläum eigentlich nicht mit „Berlin Alexanderplatz“? Dieser Film verbindet die Zeit des Romans von Alfred Döblin mit unserer Gegenwart.

Carlo Chatrian: Wir wollten den ersten Film nicht einem so großen Erwartungsdruck aussetzen, deshalb ist es besser, wenn der außer Konkurrenz läuft. „My Salinger Year“ wird daher als Berlinale Special Gala gezeigt. Er handelt von einer jungen Frau, die Schriftstellerin werden möchte. Es ist ein Film über Wünsche und Verlangen. Und der kann sehr gut das Festival repräsentieren. So haben wir nicht nur den Namen eines großen Schriftstellers, sondern auch eine großartige Schauspielerin mit Sigourney Weaver und können zeigen, dass wir durchaus auch Stars zum Festival bringen.

Wie politisch sollte solch ein Festival sein?

Mariette Rissenbeek: Berlin ist eine politische Stadt, das Publikum hier ist politisch, die Filmschaffenden bearbeiten auch viele Themen, die politisch sind. Das Festival ist es natürlich auch.

Ihr Vorgänger Dieter Kosslick hat auf seinen politischen Anspruch sehr viel Wert gelegt. Davon wollen Sie sich also nicht abgrenzen.

Mariette Rissenbeek: Nein, warum auch? Die Berlinale ist auch vor Dieter Kosslick schon ein Fenster zur Welt gewesen. Dennoch geht Carlo in der Auswahl der Filme noch einmal anders vor als das vorherige Team.

Carlo Chatrian: Ich denke, die Art und Weise, wie Filme heute politisch sind, unterscheidet sich sehr deutlich von der, wie sie es in den 70er- und 80er-Jahren waren. Die Rolle von Politik hat sich verändert, auch die Grenzen zwischen dem Privaten und Politischen. Für mich sind die politischsten Filme nicht die mit einem bestimmten Thema, sondern jene, die die Ansichten des Betrachters verändern wollen. Je subtiler sie wirken, desto besser.

China: Die Zensur und das Virus

China war oft mit Filmen im Wettbewerb vertreten. Hat es auch mit Politik zu tun, dass dieses Jahr kein chinesischer Film dabei ist? 2019 wurde ein Film von Zhang Yimou aus dem laufenden Wettbewerb genommen, offiziell wegen technischer Probleme, aber viele sprachen von Zensur.

Carlo Chatrian: So etwas ist im letzten Jahr sogar bei anderen Festivals geschehen, zum Beispiel in Shanghai. Das hat bei der chinesischen Filmindustrie einige Unruhe bewirkt und deutlicher gemacht, dass es Zeit braucht, einen Film durch die Zensur beim Kulturministerium zu bringen. Ich war in China, wir hatten drei Projekte in der engeren Auswahl, doch wurde keines von ihnen rechtzeitig fertig.

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Mariette Rissenbeek.
Foto: Benjamin Pritzkuleit
Die Geschäftsführerin 
Mariette Rissenbeek, Jahrgang 1956, studierte Germanistik, Soziologie und Theaterwissenschaft in den Niederlanden. Nach zwei Auslandssemestern an der Freien Universität beschloss die Niederländerin, in Deutschland zu bleiben. Im Jahr 2002 wechselte sie zu German Films, einer Einrichtung, die für den deutschen Film im Ausland wirbt. Im Jahr 2011 wurde Rissenbeek dort Geschäftsführerin. Nun verantwortet sie als Geschäftsführerin die wirtschaftliche Seite der Berlinale.

Da wir über China sprechen – wie sind Sie das Coronavirus vorbereitet?

Mariette Rissenbeek: Erst einmal müssen wir keine Angst davor haben, dass asiatische Gäste kommen, die hier das Publikum anstecken. Diejenigen, die ausreisen dürfen, werden je nach Region an den Flughäfen überprüft. Wir haben einige Absagen von Teilnehmern des Film Markts, die keine Reisegenehmigung bekommen haben.

Gibt es Vorkehrungen vor Ort? In anderen Jahren sah man ja auch schon Leute mit Mundschutz im Publikum.

Mariette Rissenbeek: Ein Mundschutz verhindert nur, dass Menschen ihren Speichel durch die Gegend husten. Händewaschen ist sehr wichtig. Wir werden dem Einlasspersonal Hinweise geben, worauf zu achten ist, dass sie eventuell auch Leute ansprechen, die sich krank fühlen. Wir sind mit dem Gesundheitsamt in Kontakt und mit dem Robert-Koch-Institut. Derzeit besteht kein Anlass zu übertriebener Sorge, aber selbstverständlich verfolgen wir die Entwicklungen sorgfältig.

Die Stadt macht es Ihnen schwer in diesem Jahr: Die Potsdamer-Platz-Arcaden werden umgebaut, ins Untergeschoss des Berlinale-Palastes ist eine Strip-Show eingezogen, das CineStar hat geschlossen, die U-Bahn-Line 2 hält in Richtung Ruhleben nicht am Potsdamer Platz. Gibt es etwas, womit Ihnen Berlin entgegenkommt?

Mariette Rissenbeek: Wir freuen uns sehr, dass wir jetzt im Kulturforum das 70. Jubiläum feiern können, also eine ganz neue Location haben, wo die Gäste auch in die Ausstellungen gehen können. Das ist eine Bereicherung. Und dann muss ich sagen: Der Potsdamer Platz hat eine ziemlich einmalige Konstellation. Es gibt hier den großen Berlinale-Palast, es gibt immer noch das Cinemaxx als Multiplex, es gibt viele Hotels in verschiedenen Preisklassen. Natürlich braucht die Berlinale als ein Festival, das 330.000 Tickets im Jahr verkauft, eine breite Basis. Die herzustellen, wird immer eine Herausforderung bleiben.

Gibt es denn wieder genug Platz für so viele Zuschauer?

Mariette Rissenbeek:  Ja, wir sind zusätzlich in der Akademie der Künste, der Saal hat über 500 Plätze, wir haben außerdem alle Säle im Cubix angemietet.

Was bedeutet die neue Sektion Encounters?

Sie haben sich vom Kulinarischen Kino und dem Native-Programm verabschiedet, aber mit Encounters eine neue Sektion eingeführt. Wie unterscheidet sich die vom Wettbewerb?

Carlo Chatrian: Wir haben uns entschieden, diese beiden Programme zu beenden, weil wir finden, beim Kino sollte es nicht zuerst um Themen gehen, sondern umdie Filme. Mit der Sektion Encounters, die eine eigene Jury hat, möchten wir stärker darauf reagieren können, was in der Filmlandschaft Neues passiert. Filme, die sich mit Ernährung beschäftigen, oder die aus indigenen Kulturkreisen kommen, gibt es weiterhin. Dafür brauchen wir keine extra Sektion.

Aber Encounters macht nicht dem Wettbewerb Konkurrenz?

Carlo Chatrian: Der Wettbewerb ist und bleibt das Zentrum des Programms, es ist der Platz für die Filme, die wir für die stärksten halten. Encounters bildet sozusagen den Kontrapunkt, wo neue Mittel des Erzählens vorgestellt werden. Da haben wir essayistische und dokumentarische Formen, auch einen Film ohne Worte.

Der Alfred-Bauer-Preis

Noch vor Ihrer ersten Berlinale waren Sie mit deren Geschichte konfrontiert, mit der Rolle, die der einstige Chef Alfred Bauer in der Nazizeit gespielt hat. Wie reagieren Sie darauf? Kann der Preis rückwirkend umbenannt werden? Im Prinzip sind doch alle Preisträger jetzt beschädigt.

Carlo Chatrian: Die beste Antwort darauf hat schon Agnieszka Holland gegeben, die 2017 für „Pokot“ ausgezeichnet wurde. Sie sagte, sie habe immer nur den Silbernen Bären als ihren Preis angesehen und nicht den Namensgeber.

Mariette Rissenbeek: In diesem Jahr, zum Jubiläum, ist es nicht schwer, einen Sonderpreis zu den 70. Internationalen Filmfestspielen zu vergeben. Für die Zukunft müssen wir eine Lösung finden. Wir sind dabei, ein Institut für Zeitgeschichte mit der Prüfung zu beauftragen, wie genau sich Alfred Bauer in der NS-Zeit verhalten hat.

Zum Schluss noch eine Frage zur Ihrem Jury-Präsidenten Jeremy Irons. Er ist als der sprichwörtliche alte weiße Mann in der Vergangenheit mit sexistischen  Äußerungen aufgefallen. Er kann doch nicht für einen Neuanfang stehen.

Carlo Chatrian: Er ist ein großer Schauspieler. Deswegen haben wir ihn berufen, ganz einfach. Und außerdem muss man immer wieder darauf hinweisen, dass Jeremy Irons lange zurückliegende unglückliche Äußerungen auch schon vor Jahren revidiert hat. Sie repräsentieren überhaupt nicht seine Geisteshaltung. Und wissen Sie, was er als erstes gesagt hat, als verkündet wurde, dass er Jurypräsident würde? Er freue sich auf die Arbeit mit seinen Kollegen. Da wusste er noch nicht einmal, wer das sein würde. Das ist eine Antwort, die nur jemand geben kann, der offen für andere Meinungen ist.