Die Medienlandschaft der USA ist nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht im Umbruch. Seit der Wahl Donald Trumps in das Präsidentenamt stehen die US-Medien nicht zuletzt auch einem erheblichen politischen Druck. Wir sprachen mit Monika Bäuerlein, der deutschen Herausgeberin der amerikanischen Non-Profit Nachrichtenorganisation Mother Jones.

Frau Bäuerlein, Was hat sich für Sie in ihrer Arbeit verändert, seit Donald Trump Präsident ist?

Erstens ist unser Fokus enger geworden, wir konzentrieren uns jetzt sehr stark auf die Bedrohung der Demokratie, die wir sehen. Unser Journalismus ist dadurch so deutlich definiert wie noch nie. Schon während des Wahlkampfes haben wir über die mögliche russische Einflussnahme berichtet, die Interessenskonflikte mit Trumps Geschäften und Unternehmen und die rechtsextreme Unterstützung, die er bekommt. Und zweitens kam sofort nach der Wahl eine Welle der Unterstützung auf uns zu. Es zeigte sich, dass hochwertiger Journalismus jetzt ein immer größeres Publikum findet. Auch unser Publikum begann in dieser Zeit sehr zu wachsen – von 10 auf jetzt 14, 15 Millionen User. Das erlebten auch die New York Times oder die Washington Post. Vielen Menschen ist durch die Angriffe auf die Presse erstmals bewusst geworden, dass sie den Journalismus als Bürger brauchen.

Welche neuen Bedrohungen erleben Sie jetzt?

Weil wir stärker exponiert sind, haben wir früher als die meisten Hass und Angriffe zu spüren bekommen, auf den sozialen Medien und persönlich, besonders vehement gegen Frauen und Farbige. Manche unserer Redakteure haben auch rassistische und antisemitische Materialien nach Hause geschickt bekommen. Denn das pressefeindliche Toben der Trump-Regierung hat die Jagdsaison auf den Journalismus eröffnet.

Der Klatsch-Blog Gawker musste wegen eines verlorenen Gerichtsprozesses Insolvenz anmelden, die Klage hatte der Pay-Pal-Milliardär Peter Thiel finanziell unterstützt. Vor kurzem hat Melania Trump die britische „Mail Online“ und einen Blogger wegen mutmaßlicher Verleumdung auf 150 Millionen Dollar Schmerzensgeld verklagt. Auch Mother Jones hat vor Gericht schon Erfahrung mit Superreichen gemacht. Haben Sie Angst vor weiteren Prozessen?

Wir wurden 2013 von einem Multimilliardär und republikanischen Parteispender verklagt, der nicht damit zufrieden war, was wir über ihn berichtet hatten. Wir haben zwar gewonnen, aber auch gemerkt, dass es eine Schicht Multimilliardäre gibt, die mit einem Prozess eine Medienorganisation sehr stark einschränken oder es gar zu Schließungen kommen kann. Früher hat man gesagt, dass kleinere Medien nicht verklagt werden, weil sie nicht die Mittel haben, ein Kläger hat also bei ihnen nichts zu gewinnen. Jetzt ist klar geworden, dass es darum gar nicht geht. Eine Klage kann entweder dazu führen, dass die Journalisten sich selbst zensieren, was bei uns nicht der Fall war, oder dass sie danach über weniger Mittel verfügen – und so weniger kritische Berichterstattung stattfindet. Es ist ganz klar, dass wir in den USA mehr von diesen Prozessen erleben werden.

Fühlen Sie sich von der Verfassung geschützt?

Das First Amendment ist ein sehr starker Schutz für die Pressefreiheit. Unser Rechtsfall hat uns enorme Mittel, Zeit und Nerven gekostet, doch dann zeigte sich: Die Rechtslage ist völlig klar, eine kritische Berichterstattung wird von der Verfassung geschützt. Aber im Alltag gibt es viele Möglichkeiten, die Presse anzugreifen und damit zur Selbstzensur zu veranlassen. Ich glaube, dass genau darauf die vielen Tiraden aus dem Weißen Haus hinauslaufen. Je mehr man die Presse angreift, desto mehr fühlen sich besonders Mainstream-Medien in der Pflicht, zu beweisen, dass sie eben nicht die Opposition sind. Sie wollen ja keine Gruppe vergraulen, und das kann zu einem anderen Schwerpunkt in der Berichterstattung führen.

Trump kam zu einer Zeit an die Macht, in der die Medien in Amerika am Boden liegen. Sie schreiben, heute gebe es 40 Prozent weniger Journalisten als noch vor zehn Jahren. Arbeiten überhaupt noch genügend kritische, investigative Journalisten in den USA?

Es gibt auf jeden Fall zu wenige. Ironischerweise ist die Lage in Washington weniger dramatisch als auf lokaler Ebene. In den Staaten und Städten ist die journalistische Kapazität absolut ausgehöhlt, weil das alte Geschäftsmodell Werbung plus Abo nicht mehr so funktioniert wie früher. Es existieren nur noch die Rumpforgane der alten Zeitungen und Sender. So werden die Menschen davon entwöhnt, dass qualitativ hochwertiger Journalismus zu ihnen kommt – und das führt zu einer problematischen Erwartungshaltung.

Mother Jones wurde mit dem „2017 National Magazine Award for Magazine of the Year“ ausgezeichnet. Ihre Reportage über private Gefängnisse hat den „Award for Best Reporting“ gewonnen. Allerdings: Sie haben dafür 350 000 Dollar investiert – und nur 5000 Dollar für Anzeigen eingenommen. Was sagt das über die Finanzierbarkeit von hochwertigem kritischem Journalismus?

Unsere Geschichte über Privatgefängnisse ist 35 000 Wörter lang und 1,5 Millionen Menschen haben sie gelesen, sehr viele auf Tablets und Handys, stundenlang. Das Interesse der Leser ist also groß. Unser Problem aber ist die Flut an Content im Internet und dass ein Banner auf einer investigativen Reportage, die Monate oder Jahre in Anspruch nahm, genauso viel einbringt wie der auf einem Google-Suche-Ergebnis oder auf einem Blog-Post, der in zehn Minuten erstellt wurde. Deswegen kommen mittlerweile auch 70 Prozent unserer Einkünfte von den Lesern. Ich denke, auch die anderen Medien werden in Zukunft auf die Unterstützung durch die Bürger angewiesen sein. Anders wird es diesen Journalismus in den USA nicht mehr geben.

Das Gespräch führte Vera Görgen