Es war ein Abschied auf Raten. Erst dauerte es Monate, bis die Gesellschafter des Spiegel-Verlags einsahen, dass die Redaktion des Nachrichtenmagazins Wolfgang Büchner möglicherweise doch nicht grundlos für den falschen Chefredakteur hält. Weitere Wochen vergingen, bis sie einen Beschluss gefasst haben. Es folgte der juristische und finanzielle Abfindungspoker, während dem den Mitarbeitern bis zuletzt vorgegaukelt wurde, alles bliebe beim Alten. Noch in der vergangenen Woche führte Büchner Einstellungsgespräche, um den Posten des Wirtschaftschefs neu zu besetzen. Ernst konnte das alles niemand mehr nehmen.

Auch Geschäftsführer Saffe geht

Nun hat die Farce ein Ende: Bis auf Weiteres werden die Vizechefs übernehmen. Klaus Brinkbäumer und Clemens Höges leiten die Printredaktion, Florian Harms und Barbara Hans die von Spiegel Online. Denn noch stehen Vertragsverhandlungen an. Es wird jedoch darauf hinauslaufen, dass Brinkbäumer Chefredakteur wird und Harms als sein Stellvertreter zuständig fürs Digitale. Büchner ist freigestellt und verlässt das Haus. Geschäftsführer Ove Saffe, der Büchner via Pressemitteilung noch ausführlich danken durfte, wird den Spiegel ebenfalls verlassen. Er bleibt, bis die Nachfolge geregelt ist, längstens jedoch bis Mitte 2015.

Klaus Brinkbäumer, 47, ist seit 1993 beim Spiegel. Mit Journalismus erstmals in Berührung gekommen ist der Münsteraner bei den Westfälischen Nachrichten. Nach dem Volontariat bei der längst eingestellten Zeitschrift Weltbild ging er nach München, studierte ein wenig Psychologie, spielte aber vor allem Volleyball und landete im Sportressort der damals noch ambitionierten, linken Abendzeitung. Auch sein Politikstudium im kalifornischen Santa Barbara finanzierte er sich durch Volleyball.

Nach der Wende ging Brinkbäumer zum Berliner Kurier, wo er dem damaligen Spiegel-Sportchef Heiner Schimmöller durch seine Doping-Recherchen auffiel. Da in Hamburg zunächst keine Stelle frei war, wechselte Brinkbäumer in die Entwicklungsredaktion des Burda-Magazins Focus. Beim Spiegel angekommen, durchlief der Hobbysegler das Deutschland- und Auslandsressort, war Reporter in New York und schrieb Bücher wie „Die Akte Graf – Reiche Steffi, armes Kind“.

2007 erhielt er für seine auch in Buchform erschienene Spiegel-Reportage „Die afrikanische Odyssee“ den Egon-Erwin-Kisch-Preis. Unter Büchners Vorgänger Georg Mascolo wurde Brinkbäumer Textchef, leitete die Redaktion später kommissarisch mit Martin Doerry und war zuletzt stellvertretender Chefredakteur.

Eine von Brinkbäumers wichtigsten Aufgaben wird nun sein, Wunden zu heilen, Ruhe in die vom Kämpfen erschöpfte und durch das lange Warten verzweifelte Redaktion zu bringen. Gleichzeitig muss er das höchst zerrüttete Verhältnis zwischen Print und Online reparieren. Das wird Brinkbäumer leichter fallen als jemandem, der von außen gekommen wäre und erst alles hätte kennenlernen müssen.

Erleichterung in Energie ummünzen

Er weiß um die wirtschaftliche wie publizistische Bedeutung der Marke Spiegel, kann zuhören, vermag gute Texte von schlechten zu unterscheiden und hat sich als interimistischer Chefredakteur mit ordentlichen Heften, guter Auflage und konstruktiver Stimmung in der Redaktion Akzeptanz und Respekt erworben. Wird er, wo notwendig, Print und Online zusammenführen, steht er, anders als Büchner, nicht im Verdacht, dies vor allem zu tun, um sich von Gegnern zu trennen und die eigene Macht abzusichern.

Die Erleichterung, die mit seiner Berufung einkehrt, muss Brinkbäumer aber auch schnell in Energie ummünzen. Von Januar an erscheint der gedruckte Spiegel sonnabends. Darauf haben sich alle Konkurrenten vorbereitet, nur nicht der Spiegel mit seinem monatelangen Führungsvakuum. Es gilt daher, ein Konzept zu erarbeiten und die Redaktion zu Höchstleistungen anzutreiben.

Vor allem aber muss der Spiegel wieder mit Geschichten, Relevanz und Exklusivem von sich reden machen – und dabei geschickt alle Plattformen nutzen, gedruckt wie digital. Konzepte dafür gibt es auch in Brinkbäumers Schubladen, darüber nachgedacht wird ja lange genug.

Mehrere Gründe haben dazu geführt, dass die Nachricht so lange auf sich warten ließ. Es lag insbesondere an Saffe, der sich bis zuletzt an Büchner geklammert hat, und sei es, indem er ihn als eine Art „technischer Direktor“ bei sich im Verlag andockt. Er wollte die in seinen Augen dann endgültig unführbare Redaktion unter keinen Umständen obsiegen lassen. Lieber riskierte er sein eigenes Amt. Folglich musste für Saffes bis 2018 laufenden Vertrag eine Lösung gefunden werden. Er bleibt übergangsweise, mit deutlich begrenzter Handlungsfreiheit.

Höchste Ansprüche

Groß war zudem die Angst vor einer nochmaligen Fehlbesetzung des Chefredakteurspostens. Entsprechend wurden an einen Nachfolger höchste Ansprüche gestellt. Selbst den Erstligisten in der deutschen Publizistik trauten die Gesellschafter nicht zu, den Spiegel gedruckt wie digital erfolgreich zu führen. Deshalb liegt es nun an Brinkbäumer, der dabei lange, sehr lange, hingehalten wurde, ein Team um sich zu bilden, das allen erforderlichen Kompetenzen gerecht wird.

Ratsam wäre zudem, wenn Verlag, Redaktion und Gesellschafter alsbald begangene Fehler und ihre Ursachen analysierten. Auch mit Blick auf künftige Auseinandersetzungen. Ein dem Ruf des Hauses zuträgliches Bild gab nämlich keiner der Beteiligten ab.