BerlinDas sächsische Chemnitz soll Deutschland 2025 als Kulturhauptstadt vertreten. Das empfahl die Auswahljury am frühen Mittwochnachmittag in Berlin. Der Juryempfehlung muss allerdings erst noch formal von Bund und Ländern zugestimmt werden. Chemnitz setzte sich als vermeintlicher Underdog gegen Städte wie Nürnberg oder Hannover durch. Es ist eine Entscheidung, die viele überraschen dürfte.

Dabei reformierte die Stadt zwischen Leipzig und Dresden sich historisch wie kaum eine andere immer wieder selbst. Noch bis ins 19. Jahrhundert war Chemnitz vor allem als bedeutendes Textilzentrum bekannt. „Sachsens Manchester“ nannten nicht nur Einheimische die Stadt damals. Zu Ostzeiten sollte Chemnitz sich dann zu einer sozialistischen Musterstadt entwickeln – die Arbeiterklasse lebte in modernen Neubauten. Häuser aus der Gründerzeit verfielen Stück für Stück. Nach der Wende dann schlossen die Fabriken. Chemnitz drohte, ähnlich wie damals Leipzig und Dresden, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Mit der Sanierung der Kunstsammlung am Theaterplatz Anfang der 1990er-Jahre sollte letztlich aber auch Chemnitz seine kulturelle Nische finden. Die Wahl der Kunsthistorikerin Ingrid Mössinger als deren Generaldirektorin stellte sich obendrein als ein echter Glücksgriff heraus. Mit Ausstellungen über Bob Dylan oder Françoise Gilot und dem geschmackssicheren Wechsel zwischen ost- und westdeutscher Kunst lockte sie regelmäßig ein überregionales Publikum nach Sachsen. Nachdem der Sammler Alfred Gunzenhauser einen Großteil seiner Privatsammlung dem gleichnamigen Museum in Chemnitz überlassen halt, gilt die Stadt wohl endgültig als Mekka für Expressionismus-Fans.

Als Kulturhauptstadt wird Chemnitz nun die Chance verliehen, Europa ein vielfältiges Stadtbild im Osten zu präsentieren. Sie sollte sie nutzen: Denn noch vor zwei Jahren stand die Stadt nach rechtsextremen Ausschreitungen wochenlang im Mittelpunkt der Berichterstattung. Mit dem Kulturtitel erhält Chemnitz zudem auch eine Finanzspritze vom Freistaat. Der will insgesamt 20 Millionen Euro zur Verfügung stellen.