Berlin - Auf einer Texttafel am Eingang der Ausstellung „Micro Era“ steht ein merkwürdiger Satz: Die Künstler, die bei der Präsentation chinesischer Medienkunst im Kulturforum vertreten sind, „hinterfragen die verführerische These von der Demokratisierung“ durch Medien.

Hm. Bei China denkt wohl niemand an Demokratisierung durch Medien – eher an staatliche Propaganda und Manipulation auf allen Kanälen. Und wer gegenwärtig an China denkt, dem fällt wohl als erstes ein, wie das riesige Land versucht, dem kleinen Stadtstaat Hongkong sein bisschen Demokratie zu nehmen.

Nun mag es unfair sein, von einer Ausstellung, die ja lange vorbereitet wird, eine direkte Reaktion auf die aktuelle politische Lage zu erwarten. Aber andererseits ist es unmöglich, sie sich anders als durch die „Hongkong-Brille“ anzusehen.

„Micro Era“-Ausstellung: China ist dystopisch und uncool

„Micro Era“ bezieht sich auf eine Kurzgeschichte des chinesischen Science-Fiction-Autors Liu Cixin, in der China durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt den Weltuntergang verhindert. (Die englische Übersetzung der Story heißt allerdings anders als die Berliner Ausstellung „Micro-Age“.) Doch das China, das die Ausstellung zeigt, ist dystopisch und uncool.

Als gesunde Demokratie mit freien Medien erscheint China in keiner der gezeigten Arbeiten, im Gegenteil: Cao Fei, die wohl bekannteste Teilnehmerin der Ausstellung, legt ihren Finger in eine bekannte Wunde der chinesischen Gesellschaft. In dem Video „Asia One“ hat sie ohne großes Kunstwollen trostlosen chinesischen Hyperkonsum abgefilmt: In der Shopping-Mall bezahlt man per Gesichtserkennung, ohne dass sich jemand über den Verlust der Privatsphäre beschwert.

Bespaßt werden die Kunden – während sie von allgegenwärtigen Überwachungskameras gefilmt werden – von aufdringlichen Werbefiguren. Hinter den Kulissen laufen die Paketboten um ihr Leben und sinnieren in der kurzen Pause darüber, ob sie wohl demnächst von Drohnen ersetzt werden.

Und wo sie schon dabei ist, lässt Cao Fei in ihrer zweiten Videoinstallation ein paar versprengte Hausmeisterinnen und Hausmeister in einem gigantischen, vollautomatisierten und weitgehend menschenleeren Logistikzentrum zu Eurodisco absurde Choreografien tanzen. Im Hintergrund werben Banner wie aus der Zeit der Kulturrevolution dafür, dass „Mensch und Roboter Hand in Hand arbeiten“ sollen.

Gefühl der Gegenwart in China: Lobotomien, Elektroschocks und Anime-Schlägereien

Der gierige, sinnentleerte Konsumismus bei gleichzeitiger staatlicher Gängelung und Totalüberwachung, der China heute prägt, gehört bekanntlich genau zu den Dingen, die sich die Demonstranten in Hongkong nicht gerne aufoktroyieren lassen möchten.

Das Leiden an der reduzierten Existenz, das sich in den Arbeiten von Cao Fei artikuliert, trifft sich in der generationenübergreifenden Ausstellung aufs Schönste mit den Videos von Zhang Peili. Der chinesische Pionier der Videokunst gehörte in den 90er-Jahren zu den ersten Künstlern, die nach dem Ende des chinesischen Sonderwegs zum Sozialismus international Erfolg hatten.

In „1988 30x30“ aus dem namensgebenden Jahr zerkloppt er eine Glasscheibe, klebt sie wieder zusammen, haut sie wieder kaputt, klebt sie wieder zusammen, bis das Tape zu Ende ist. In „Uncertain Pleasures“ schabt eine Hand so lange auf Körperteilen herum, bis aus der scheinbaren Liebkosung entzündliche Striemen geworden sind.

In den 90er-Jahren verstand man solche selbstzerstörerischen, an einen sinokommunistischen SM-Beckett gemahnenden Exerzitien als Reflexionen einer realsozialistischen Selbstentleerung und Auslöschung. Wenn man diese Arbeiten nach einem Vierteljahrhundert wieder sieht, kann man sie auch als Darstellung der inneren Leere nach dem Ende des realsozialistischen Mangels begreifen. 

Um die Arbeit für das Hongkong der Gegenwart zu aktualisieren, müsste man möglicherweise ein iPhone kaputtmachen und wieder und wieder zusammenkleben. Dann ist da noch Lu Yang, die sich den größten Raum nimmt, um das Lebensgefühl der Gegenwart mit der Hilfe von Videos von Lobotomien, Elektroschocks und Anime-Schlägereien auszudrücken.

„Micro Era“ ist die wichtigste Ausstellung im Herbst 

Wenn das die Gesellschaft widerspiegelt, aus der die Künstlerin kommt, kann man jeden verstehen, der damit nichts zu tun haben will. Schier zum Verzweifeln sind die zwei Videos von Fang Di, die möglicherweise zu zeigen versuchen, wie zweifelhaft jede Art von kultureller Aneignung immer ist – in diesem Fall der Folklore von Papua Neuguinea. 

Die Neue Seidenstraße, die China derzeit um den Globus zu legen versucht und an der der Künstler mitarbeitet, dürfte auf jeder Ebene genau solche bizarren Verständnisversuche und Fehlkommunikation hervorbringen, wie sie in diesen beiden Videos zu beobachten sind. Kolonialismus ist und bleibt eben Kolonialismus.

Trotz dieser beiden Totalausfälle ist diese Ausstellung auf jeden Fall die wichtigste in diesem Herbst in Berlin. Nicht zuletzt hilft sie, die Befürchtungen, die die Demonstranten von Hongkong motivieren, auch im Westen verständlich zu machen.

Kulturforum der Staatlichen Museen: bis zum 26. Januar , Di–Fr 10–18/Do bis 20/Sa+So 11–18 Uhr.