Das wird also nichts mit noch ein paar Tagen Privatheit, die er wollte, um sich zu sammeln. Der chinesische Künstler Ai Weiwei, der überraschend seinen von den Pekinger Behörden fast fünf Jahre lang beschlagnahmten Pass zurückbekam und sofort nach Deutschland flog, wird nun pausenlos befragt, was er zu tun gedenke. Jetzt, wo er endlich in Berlin angelangt ist, bei seinem kleinen Sohn, den er seit einem Jahr nicht sehen durfte, bei Freunden und Vertrauten und nahe seiner Galerie in der Linienstraße.

Der 57-jährige Aktionskünstler und jahrelange Staatsfeind Nr. 1 aus Peking hat natürlich Pläne. Er, der systemkritische, erst monatelang inhaftierte, dann über vier Jahre mit Hausarrest und Ausreiseverbot Belegte, nun von Pekings Regierung überraschend mit Reisefreiheit Bedachte, will offensichtlich künftig pendeln zwischen Peking und Berlin. Es ist ja längst ein offenes Geheimnis, dass auf ihn ein von ihm selbst finanziertes Fabrikstudio im Pfefferberg-Areal wartet und ebenso eine auf drei Jahre ausgelegte Einstein-Gastprofessur an der Universität der Künste.

Nächste Woche will die UdK-Leitung ihm dafür den Weg ebnen. Bekannt ist auch, dass er in Kürze abermals eine Schau in London bestreitet. Als Ai Weiwei 2014 den Berliner Martin-Gropius-Bau bespielte, mussten seine Assistenten umsetzen, was er ihnen von Peking aus per Internet akribisch vorgab. Alle Hoffnungen, er werde den Pass doch noch erhalten, nach Berlin fliegen dürfen, erfüllten sich damals nicht. Zyniker meinten, die politische Repression könne Ai doch ganz gut für sein Image nutzen. Mit derartiger Unterstellung muss wohl ein Künstler leben, sobald der politische Überbau die Kunst verdeckt.

Also ist jetzt, wo er reisen kann und hoffentlich mehr Normalität ins komplizierte Künstler-Dasein einzieht, an der Zeit, wieder darüber zu reden, was dieser prominente Chinese eigentlich macht. Er selbst spricht bei seiner Kunst von der „einfachen Wahrheit“. Die ist tatsächlich aus simplem Material gemacht: aus Stein, Ton, rostigem Eisen, Autolack, uraltem Holz – aber auch aus Jade, Marmor und antikem Porzellan.

Und doch ist diese so lakonische Kunst politisch. Was wir 2014 in Berlin sahen, war vor allem eine Ästhetik des Widerstands. Erschütternd waren jene wie zu Bettgestellen geformten verdrehten Armierstähle, mit denen Ai an das verheerende Erdbeben in Sichuan von 2008 und die 80.000 Toten, darunter 5.000 Schulkinder, erinnert, damit an Misswirtschaft und Korruption im staatlichen Bauwesen.

Im Lichthof überwältigte die Armada der 6 000 alten Hocker aus der Ming- und Qing-Dynastie, dicht aufgereiht wie die kaiserliche Tonkriegerarmee. Die „Stools“, gesammelt aus Dörfern, sind für Ai Symbol für das, was Menschen bei der Landflucht zurücklassen. Zum Liebling der Pekinger Machthaber wird er wohl schwerlich werden, aber sie könnten endlich einsehen, dass er ein exzellenter chinesischer Exportschlager ist.