Christa Wolf „Moskauer Tagebücher“: „Das Leben scheint mir hier lebendiger als bei uns“

Berlin - Zehn Mal ist Christa Wolf nach Moskau gefahren. Im Jahr 1957 zum ersten, 1989 zum letzten Mal. Sie besuchte einzelne Sowjetrepubliken, erhielt Führungen in Betrieben, nahm an Tagungen teil, traf ihre Übersetzerinnen. Dabei hat sich ihr Bild von der Sowjetunion gewandelt. Davon kündet das „Moskauer Tagebuch“, das jetzt aus dem Nachlass erschienen ist.

Die Schriftstellerin hat zwar immer Tagebuch geführt, aber nicht mit der Absicht, es zu veröffentlichen. Einzig die Aufzeichnungen an jedem 27. September seit 1960 waren auch für fremde Augen gedacht, haben in Bücher gefunden: „Ein Tag im Jahr“ (2003) und „Ein Tag im neuen Jahrhundert“ (2013 postum erschienen). Es sind also ungefilterte Eindrücke. Dieses Ungeplante, Unbeabsichtigte macht den großen Reiz des Buches aus.

Auf der Suche nach den Anfängen

Christa Wolf fuhr zum ersten Mal im Juni 1957 nach Moskau und Armenien, als noch nicht einmal 30-jährige Mitarbeiterin der Zeitschrift ndl (neue deutsche literatur). Da schaut sie mit großen Augen auf das Mutterland des Sozialismus, schildert empathisch die Menschen, bemerkt freudig das Fehlen von Snobismus und schreibt: „Das Leben, scheint mir, ist hier lebendiger, unmittelbarer als bei uns.“ Sie möchte etwas mitnehmen: „Was ist es denn, was den Menschen zum Menschen macht? Was ist also der Grundstein für die bessere Gesellschaft?“ Davon müsse man schreiben.

Zwei Jahre später kommt sie als Gast zum III. Schriftstellerkongress der UdSSR, obwohl sie erst mit der 1961 erscheinenden „Moskauer Novelle“, einer Liebesgeschichte, zur Schriftstellerin werden wird. Diesmal ist die bewunderte Anna Seghers an ihrer Seite, Erwin Strittmatter unterhält gern die anderen mit klugen Reden. Über die sowjetischen Kollegen ist sie zum ersten Mal enttäuscht. Ihre Bemerkung: „kein Mut zu eigener Meinung“ entschuldigt sie gleich selbst: „Ich kann es mir nur als Überbleibsel aus vergangenen Zeiten erklären“.

Mit wachsender Erfahrung sieht sie die Zustände kritischer. Im Jahr 1966, bei der vierten Reise, ist in diesem Buch ein Wendepunkt zu sehen. Christa Wolf bemerkt nicht nur Rohheit und Ruppigkeit im Umgang, Betrunkene auf der Straße, schlechtes Essen, Mangel an Schuhen, Kindersachen, Waschpulver. Sie schreibt sogar: „,Der neue Mensch’ existiert gar nicht – das war die raffinierteste und vielleicht den Täuschern selbst unbewussteste von allen Täuschungen.“ Diese Reise unternahmen Christa und Gerhard Wolf auf eigene Initiative, ohne offizielle Begleitung.

Erschütternde Eindrücke

Doch während in den Alltags-Aufzeichnungen kein Aufschwung mehr kommen wird, wächst der geistige Austausch, Freundschaften entstehen. Den langen Spaziergang mit dem Dissidenten Lew Kopelew erwähnt sie nicht, Gerhard Wolf weist im Nachsatz darauf hin. 1968, als in Prag der Sozialismus demokratisch werden soll, suchen immer wieder Kollegen das Gespräch über Solschenizyn. Sein Roman „Krebsstation“ soll schon im Druck gewesen sein, ist dann doch verboten worden, notiert sie.

Das ist natürlich ein Buch für Christa-Wolf-Leser, die nach dem Tod der Autorin 2011 dankbar sind, dass der Verlag noch Nachschub liefert. Vielleicht auch deshalb wurde es etwas umfangreicher, sind ihre Aufzeichnungen nicht nur um die wichtigen Erklärungen Gerhard Wolfs ergänzt, der bei mehreren Reisen dabei war, sondern auch um Briefe und Buchauszüge, so aus dem letzten Roman „Stadt der Engel“.

Liest man allein die Tagebuchnotizen hintereinander, ist es erschütternd, wie die Desillusionierung wuchs. Als Michail Gorbatschow an die Macht kam, als man in der DDR wieder sehnsuchtsvoll nach Osten blickte, kann Christa Wolf bei ihren Reisen 1987 und 1989 keine Aufbruchsstimmung erkennen. Die Perspektivlosigkeit der Jugend bedrückt sie, die Interesselosigkeit vieler Menschen an der Umgestaltung: „Kann man demokratisches Verhalten verordnen?“, fragt sie. Und im Oktober 1989, als die DDR am Zusammenbrechen war, man aber noch nicht wusste, wie es in Ost-Berlin, Dresden und Leipzig weitergehen würde, da suchten Funktionäre aus der DDR in der Botschaft von ihr, die im Sommer aus der SED ausgetreten war, Trost und Rat.