Einer der berühmtesten Märtyrer: der römische Soldat Sebastian.
Foto: imago images

BerlinChristenverfolgungen finden inzwischen fast überall auf der Welt statt. Nicht nur auf koptische Christen im fernen Ägypten, auch der Anschlag am 19. Dezember 2016 auf den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche zählt dazu.

Wolfram Kinzig, Professor für Kirchengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Bonner Universität hat jetzt eine kleine Einführung in die „Christenverfolgung in der Antike“ vorgelegt. Es gibt einen Unterschied zwischen den heutigen Christenverfolgungen und den damaligen. Damals wurden die Christen Verhören unterzogen, gefoltert und am Ende wilden Tieren zum Fraße vorgeworfen, verbrannt, gesteinigt und so weiter. Heute werden Bomben in eine anonyme Menge geworfen oder aber Christen werden vor laufender Kamera geköpft.

Die Romane der Märtyrerakten

Von den antiken Christenverfolgungen berichten vor allem die Märtyrerakten. Im Internet sind diese alten christlichen „Zeugnisse“ leicht einzusehen. Tun Sie es, wenn Sie sich dafür interessieren. Und sei es nur eine halbe Stunde lang. Anders als die Museen füllenden gemalten Darstellungen christlicher Märtyrer aus späteren Jahrhunderten, die sehr oft zu Splattermovies oder erotischen Ikonen oder gar einer Verbindung von beidem geraten, gehören die antiken literarischen Schilderungen einem ganz anderen Genre an.

Es sind Gerichtsdramen. Die Angeklagten verteidigen sich vor der Obrigkeit. Mal streiten sie beredt ab, wenn man ihnen vorwirft, sie verzehrten in geheimen Versammlungen Menschenfleisch. Ein andermal haben sie auf alle Fragen, auch schon auf die nach Name, Alter, Beruf, Adresse immer nur eine Antwort: Ich bin Christ. Man kann und soll sich vorstellen, wie sie die römischen Beamten in den Wahnsinn trieben.

Diese christlichen Märtyrerakten sind fast die einzigen Quellen zur Christenverfolgung. Allerdings sind sie nicht authentischer als ein Perry-Mason-Film. Die Märtyrerakte ist ein literarisches Genre. Der christliche Märtyrer hat in diesen Texten als Vorbild meist den Kreuzestod Jesu Christi vor Augen. Sein Weg wird vorgestellt als die konsequente Nachfolge des Herrn. Die sogenannten Märtyrerakten sind religiöse Agitation, keine Prozessprotokolle. Sie kopieren mit dem Schema von Frage und Antwort nur deren Form. Alle Reden sind erfunden. Oft hundert Jahre, nachdem sie geführt worden sein sollen. Natürlich heißt das nicht, dass es solche Prozesse nicht gegeben hat. Es hat sie gegeben, immer wieder und in vielen Provinzen des Römischen Reiches. Es gilt: Eine Geschichte der Christenverfolgung lässt sich ohne die Romane der Märtyrerakten nicht schreiben. Gleichzeitig aber beschreibt man dann einen Abschnitt der Literaturgeschichte und nicht etwa der wirklichen Geschichte des Christentums.

Eine Geschichte aus Mythen

Die Vertracktheit dieser Situation arbeitet deutlicher als Wolfram Kinzig Candida Moss heraus in ihrem leider nur auf Englisch vorliegenden Buch „The Myth of Persecution – How early Christians invented a Story of Martyrdom“. Die 1978 in London geborene Candida Moss ist Theologieprofessorin an der Universität Birmingham. Candida Moss seziert die überlieferten Geschichten, zeigt, wie oft sie überarbeitet wurden. Einige berichten selbst detailliert davon, andere tun so, als handele es sich um Augenzeugenberichte. Es ist unmöglich, einen historischen Kern herauszuarbeiten.

Es hat, so meinen Wolfram Kinzig und Candida Moss, niemals eine das ganze Römische Reich umfassende Christenverfolgung gegeben. Christen wurden umgebracht, immer wieder und mal hier, mal dort. Es gab lokale Instanzen, die mal so, mal so urteilten. Es gab Christen, die für Verbrechen verurteilt wurden, die mit ihrem Christsein nichts zu tun hatten. Es gab Pogrome, von denen wir Kenntnis haben, weil die römischen Behörden gegen sie vorgingen. Die „Pax Romana“ war ein hoher Wert.

Der erste historische Beleg für eine „Christenverfolgung“ liegt uns vor in einem Briefwechsel zwischen Kaiser Trajan und Plinius dem Jüngeren, dem Gouverneur (um 113) von Bithynien und Pontus, römische Provinzen auf dem Boden der heutigen Türkei. Auf Plinius’ Anfrage, wie denn mit Christen umzugehen sei, antwortete Trajan: „Du hast, mein Secundus, bei der Prüfung der Fälle derjenigen, die dir als Christen angezeigt worden waren, die richtige Haltung eingenommen. Man kann nämlich nichts allgemein Gültiges aufstellen, das gleichsam eine feste Regel bildete. Aufspüren soll man sie nicht; wenn sie angezeigt und überführt werden, soll man sie bestrafen, doch so, dass demjenigen, der leugnet, ein Christ zu sein, und dies durch die Tat offenbar macht, – das heißt, indem er unseren Göttern opfert aufgrund seiner Reue Verzeihung gewährt wird. Anonyme Schriften aber dürfen bei keiner Anklage berücksichtigt werden. Denn das ist ein sehr schlechtes Beispiel und unseres Jahrhunderts nicht würdig.“ Ein sehr großes Wort, das nur in wenigen Momenten der Menschheitsgeschichte von nur sehr wenigen Menschen ausgesprochen wurde. In noch weniger Momenten wurde danach gehandelt.

Die christliche Überlieferung nannte jeden, der von einer römischen Verwaltung zu Tode gebracht wurde, einen Märtyrer. Aber sie nannte auch viele, die es niemals gegeben hatte, Märtyrer. Märtyrer ist das altgriechische Wort für Zeuge. Ein Märtyrer ist also einer, der Zeugnis ablegt für seinen Glauben. Im Gegensatz zum bloßen Bekenner, den es auch gibt, bezeugt der Märtyrer seinen Glauben bis in den Tod. Die kirchliche Überlieferung ist nicht sparsam bei der Erschaffung von Märtyrern. Es gibt Fälle, da soll es sie gleich zu Hunderten gegeben haben. In den Märtyrerakten wird auch erzählt davon, dass Tausende einmal verlangten, von den römischen Behörden umgebracht zu werden, um als Märtyrer zu enden. Die Behörden taten ihnen aber einfach nicht den Gefallen. Was mit ihnen geschah, darüber schweigen sich die Akten aus.

Verfälschung der wirklichen Lage

Alles in allem, da ist sich die heutige Forschung offenbar einig, ist das Bild, das Eusebius von Caesarea mit seiner Kirchengeschichte im 4. Jahrhundert malte, eine völlige Verfälschung der wirklichen Lage. Candida Moss schreibt: „Abgesehen von der großen Christenverfolgung der Jahre 303–305 hat niemals etwas gegeben, das Ähnlichkeit mit dem Mythos von der Christenverfolgung hat“. Auch die Edikte von Kaiser Decius (249–251) richteten sich zwar gegen die Christen, aber sie hatten wenig Durchschlagskraft.

Ganz falsch wäre es auch, sich die Christengemeinden gar zu homogen vorzustellen. Es gab die unterschiedlichsten Richtungen. Sie bekämpften einander. Manche Christenverfolgung wurde von Christen durchgeführt. Die in der Bibliothek der Kirchenväter übersetzten Märtyrerakten sind treue Anhänger des Katholizismus. Sie bieten einen sehr vereinfachten Blick auf die Lage.

Man darf nicht vergessen, dass wohl kaum mehr als fünf Prozent der Christen regelmäßig einen Gottesdienst besuchten. Die Christen kamen in den Häusern vermögender Glaubensbrüder- und -schwestern zusammen. Sie saßen und aßen an ihren Tischen. Von ihnen übernahmen sie oft die Überzeugungen. Der demutsvoll sich dem römischen Kaiser oder seinem örtlichen Beamten sich unterwerfende Christ sind nur eine Facette der zahlreichen Möglichkeiten der christlichen Auseinandersetzung. Da sind zum Beispiel die „Agonistiker“, die „Kämpfer Christi“. Das waren paramilitärische Einheiten. Sie nannten sich Heilige und töteten besonders gerne andere Christen, die ihre Heiligkeit nicht akzeptieren wollten. Sie waren wohl entstanden als Aufstand der armen Leute. Die herrschende Gewalt bekämpften sie mit Gegengewalt. Es gab also auch einen christlichen Terrorismus. Sie waren sehr hinterher, als Märtyrer zu sterben.

Das Opfer wird Täter

Sayyid Qutb (1906–1966) war Chefideologe der ägyptischen Muslimbrüderschaft und einer den zentralen Theoretiker des radikalen Islamismus. Als er wegen Teilnahme an einer Verschwörung gegen den ägyptischen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser vor Gericht – einer der drei Richter war Anwar el-Sadat – gestellt wurde und zum Tode durch den Strang verurteilt wurde, erklärte er: „Ich habe mich dem Dschihad fünfzehn Jahre lang gewidmet, bis ich mir dieses Martyrium, shahadah, verdient habe.“

Wir machen uns heute lustig über islamistische Selbstmordkommandos, die davon ausgehen, dass sie vom Tatort umgehend ins Paradies befördert würden. Die christlichen Märtyrer pflegten dieselbe Überzeugung. Der Bischof von Smyrna Polycarp (69–155) zum Beispiel betonte, wie vernünftig es sei, eine Stunde Folter auf sich zu nehmen, um dafür die ewige Glückseligkeit einzutauschen.

Es fehlte nie und es fehlt heute angesichts der jüngsten Entwicklungen auch nicht an Stimmen, die darauf hinweisen, dass der Märtyrerkult gerade nicht die Ideologie der Unterdrückten ist, sondern dass es zu ihm erst kommt, wenn die Unterdrückten an die Macht gekommen sind. Das Martyrium der Vergangenheit soll die Herrschaft der Gegenwart legitimieren. Da wir unterdrückt waren, haben wir ein Recht darauf, jetzt die Unterdrücker zu sein. Dass man mit dem allmächtigen Gott auf seiner Seite, am Ende triumphieren werde über Rom, daran war kein Zweifel möglich.

Man werde, auch davon ist immer wieder die Rede in den Märtyrerakten, Rache nehmen. Das Opfer, das entschlossen war, Täter zu werden, wurde kreiert, als das Opfer längst Täter geworden war.

Wolfram Kinzig:

Christenverfolgung in der Antike, C.H. Beck Verlag, 128 Seiten, 9,95 Euro.

Candida Moss:

The Myth of Persecution – How Early Christians Invented a Story of Martyrdom, Harper One, 320 Seiten, 14,50 Euro.