Am 8. August 1914 wurden in Duala (Kamerun) Manga Bell und Ngoso Din von den deutschen Kolonialbehörden wegen Hochverrats gehängt, nach einer Farce von einem Gerichtsverfahren. Christian Bommarius hat Geschichte und Vorgeschichte dieser Justizmorde in seinem neuesten Buch dargestellt. Ein Gespräch über „Der gute Deutsche“, über einen sehr besonderen Widerstandskämpfer – und über blinden Rassismus.

Manga Bell tritt in deinem Buch erst sehr spät auf.

Es geht bei der Geschichte von Manga Bell um einen Vertragsbruch, nein, um eine Reihe von Vertragsbrüchen. Also muss ich mit dem Vertragsabschluss beginnen. Zu dem war es am 12. Juli 1884 gekommen. Da war Manga Bell wohl – sein Geburtsdatum ist nicht sicher, dafür, dass der Todestag feststeht, hat die Kolonialmacht Deutschland gesorgt – elf Jahre alt. Den Vertrag hatten die deutschen Firmen C. Woermann und Jantzen & Thormählen mit den „Kings and Chiefs“ der Duala geschlossen. Beide Firmen betrieben schon lange Handel an der Küste. C. Woermann gibt es noch heute. Auf ihrer Website wirbt die Firma so: „Ein traditionsreiches Hamburger Handelshaus mit langjährigen Beziehungen zu Afrika, gegründet 1837“.

Worum ging es in dem Vertrag?

Auf die Deutschen sollten die Hoheitsrechte, die Gesetzgebung und die Verwaltung übergehen. Den Duala wurde dagegen im Vertrag zugesichert, dass der von ihnen bewirtschaftete oder bebaute Boden ihr Eigentum bleibe. Dazu mussten die deutschen Vertragspartner die Zusatzvereinbarung unterzeichnen, dass das Monopol der Duala, was den Handel mit dem Hinterland angehe, nicht angetastet werde. Ohne diese Zusatzvereinbarung hätten die Duala ein englisches Vertragsangebot unterzeichnet.

Wie ernst waren solche Verträge gemeint?

Die deutsche Kolonialverwaltung hat sofort damit begonnen, gegen das Handelsmonopol der Duala vorzugehen. Andererseits: Die Duala hatten keine Könige, sie hatten nicht einmal Oberhäupter. Wie verbindlich die Unterschriften der Duala-Vertreter – darunter die von Manga Bells Großvater – in den Augen der verschiedenen Duala-Stämme waren, weiß man nicht. Wie man überhaupt wenig weiß über die Rechtsauffassungen und -praktiken der Duala.

Desto überraschender ist Manga Bells Vorgehen.

Mit dem guten Deutschen des Buchtitels ist Manga Bell gemeint. Manga Bell hat seit Beginn seines Widerstands gegen die Kolonialregierung niemals etwas anderes getan als auf der Einhaltung der Verträge und Gesetze zu bestehen. Er war in Deutschland zur Schule gegangen, hatte Jahre dort verbracht, konnte fließend Deutsch und berief sich in seinen Eingaben stets auf deutsches Recht. „Verträge sind einzuhalten“ war sein Mantra. In einer seiner Eingaben erklärte Manga Bell, die Duala gingen davon aus, dass die deutsche Regierung „die Anerkennung der persönlichen Freiheit und der Gleichheit aller Menschen herbeiführe und dann die völlige bürgerliche Emanzipation durch den Staat erfolge: aus Untertanen werden Staatsbürger.“ Als Manga Bell das schrieb, saß Heinrich Mann an seinem Roman „Der Untertan“. Manga Bell gehört zur deutschen Freiheitsgeschichte.

War es nicht reichlich naiv, gegen die Kolonialmacht mit nichts als dem Gesetzbuch vorzugehen?

Der bewaffnete Kampf hatte den Herero nicht geholfen. An die 100 000 wurden darin getötet. Der Chef des Generalstabs Alfred Graf von Schlieffen erklärte damals: „Der entbrannte Rassenkampf ist nur durch die Vernichtung einer Partei abzuschließen.“ Der Völkermord an Herero und Nama hatte ja auch zum Ziel gehabt, den anderen kolonisierten Völkern klarzumachen, was sie erwartet, wenn sie in den Krieg ziehen.

Manga Bell wusste davon?

Ganz sicher. Wir haben es mit gebildeten, bestens informierten Menschen zu tun. Nicht nur der aus einer der führenden Familien der Duala stammende Manga Bell, sondern auch sein Freund Ngoso Din, der bei Weitem nicht so reich war wie die Bells, konnte nicht bloß lesen und schreiben, sondern das auch gleich in drei Sprachen. Manga Bell wusste sehr genau, dass man den Kampf nicht in der Kolonie gewinnen konnte. Er trug darum die Auseinandersetzung systematisch nach Berlin. Die Kommunalverwaltung in Kamerun war besetzt von Leuten, die mit der größten Selbstverständlichkeit jeden Schwarzen auspeitschen ließen, der nicht tat, was sie von ihm forderten. Es war bei den deutschen Herren auch Brauch, schwarze Frauen zum Beischlaf zu zwingen. Die Kolonialbeamten waren gegenüber den Schwarzen um ein Vielfaches mächtiger, als es irgendein Fürst des wilhelminischen Deutschlands war.

Galt in der deutschen Kolonie deutsches Recht?

Für die Deutschen. Nicht aber für die Schwarzen. Die immer wieder unternommenen Bemühungen, ein koloniales Strafrecht einzuführen, scheiterten stets. Ein kodifiziertes Strafrecht hätte der einheimischen Bevölkerung eine Handhabe gegen die Willkürjustiz der Kolonialverwaltung gegeben. Daran hatte die kein Interesse.

In Berlin sah man die Sache anders?

In Berlin gab es Menschen und Institutionen, die die Sache anders sahen. Wilhelm II., die Regierung, die zentrale Kolonialverwaltung hatten kein Interesse daran, den Rechtsstatus der Kolonisierten zu bessern. Aber es gab die Sozialdemokratie, die in August Bebel einen beredten Kämpfer gegen den Kolonialismus an ihrer Spitze hatte. Und es gab das katholische Zentrum, dem die „Unzucht“ der Kolonialherren ein Gräuel war.

Worum ging es Manga Bell?

Im Juni 1910 entschließt sich Gouverneur Seitz zu einem Modernisierungsprojekt in Duala, das die Stadt, in der inzwischen etwa 400 Europäer und 20 000 Afrikaner leben, innerhalb von fünf Jahren von Grund auf verändern soll. Die Duala sollen aus ihrem Wohngebiet am linken Ufer des Kamerunflusses vertrieben und in Sumpfgebieten angesiedelt werden. Natürlich, so die Regierung, sollen die Duala entschädigt werden: 40 Pfennig pro Quadratmeter. Der Marktpreis lag damals bei durchschnittlich 20 Reichsmark. Kein Wunder, dass manche Kaufleute maulen, das Gouvernement wolle die Afrikaner nur verdrängen, um die Grundstücke selbst zu hohen Preisen an private Gesellschaften weiterzuverkaufen. Gegen diesen offenen Vertragsbruch wendet sich Manga Bell mit einem Telegramm an den Reichstag. Er tut das erst im November 1911. Dafür aber kann er seinen Protest im Namen aller Duala-Familien einlegen. Das hat die Politik der Kolonialverwaltung geschafft: Die Duala sind sich einig gegen sie.

Am Ende aber wird Manga Bell umgebracht.

Es wird gegen den in Kamerun agierenden Manga Bell und gegen seinen nach Deutschland geschickten Freund Ngoso Din eine Anklage wegen Hochverrats gebastelt. Sie basiert auf einem Zeugen, der kein Zeuge war, und auf einer aberwitzigen Konstruktion. Ngoso Din und Manga Bell hatten als Verteidiger gewonnen unter anderen Hugo Haase – erst mit Bebel, dann mit Ebert Vorsitzender der SPD – und Paul Levi, den Lebensgefährten von Rosa Luxemburg. Gegen diese hochklassige Verteidigung hätte die Anklage keine Chance gehabt. Der Prozess war für den September in Kamerun anberaumt worden. Der Beginn des Ersten Weltkrieges machte es den Verteidigern unmöglich, nach Kamerun zu kommen. Die Kolonialverwaltung sah ihre Chance, fällte am 7. August die Todesurteile, ließ sie am 8. August vollstrecken. Drei Tage lang blieben Ngoso Din und Manga Bell an ihren Galgen hängen – zur Abschreckung.

Hat eine Bundesregierung sich schon einmal zu den Vorgängen geäußert?

Im Falle der Herero bekannte sich die damalige Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul 2004 in einer Rede in Namibia zur politischen und moralischen Verantwortung Deutschlands für das damalige Vorgehen der deutschen Truppen. Sie sprach von Völkermord und erklärte: „Ich bitte Sie im Sinne des gemeinsamen ‚Vater unser‘ um Vergebung unserer Schuld.“ Niemals aber wurde ein Opfer der deutschen Kolonialjustiz rehabilitiert. Dabei könnte die Bundesrepublik doch durch ihren Außenminister oder durch den Bundestag erklären: Wir bitten die Duala um Entschuldigung für das, was damals in deutschem Namen getan wurde. Wir betrachten die Hinrichtungen von Ngoso Din und Manga Bell als Justizmorde. Das war Unrecht. Das könnte sie sagen, und mehr müsste sie auch nicht sagen.

Das wäre doch sogar geeignet, das Ansehen der Bundesrepublik in Afrika zu verbessern.

Vielleicht. Aber die Bundesregierung tut das seit Jahrzehnten nicht. Es gäbe noch viele andere Aktionen der deutschen Kolonialgeschichte, bei denen um „Vergebung unserer Schuld“ zu bitten wäre. In Deutsch-Ostafrika wurden zum Beispiel während des Maji-Maji-Aufstandes bis zu 300 000 Afrikaner von den Deutschen umgebracht. Es wäre viel zu tun, diese Verbrechen aufzunehmen in unser nationales Gedächtnis. Mit einzelnen Rehabilitierungen ist es da nicht getan. Wenn man gar auf Europa insgesamt schaut, wird einem klar, was da zu tun wäre. Allein das kleine Belgien hat zehn Millionen Menschen in den Tod geschickt für Belgisch Kongo. Es gab und es gibt bei keiner ehemaligen europäischen Kolonialmacht das Bedürfnis, sich mit diesem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen.

Christian Bommarius: Der gute Deutsche. Die Ermordung Manga Bells in Kamerun 1914 Verlag Heinrich von Berenberg, Berlin 2015. 176 S., 20 Euro.