Robert Lippok hat eine Pflanze für seinen Auftritt mitgebracht.
Foto: Silke Briel

BerlinAm zweiten von sechs Wochenenden, über die sich das „20 Sunsets“-Festival am Haus der Kulturen der Welt erstreckt, war die coronagerecht bestuhlte Dachterrasse ausverkauft: So konnte man hier am Sonnabend im Liegestuhl das Bein im Takt mitwippen lassen, als mit Christian Naujoks und Robert Lippok zwei Musiker auftraten, deren Werk zwar dem elektronischen Puls verschrieben ist – sie diesen in allzu offensichtlicher Veräußerung jedoch meiden.

In Naujoks’ Fall, so konnte man sich bei genau richtig warmem Sonnenuntergang-Ambiente überzeugen, geschieht dies teils durch komplette Weglassung eines Drumbeats: Nach etwas zu lauwarmen Gitarrenschrummeleien zu Beginn seines Sets, erklang plötzlich ein reizendes Stück, das in losen Flatter-Wiederholungen wehmütig glissierende Klaviersamples rhythmisierte – hier gab Naujoks übrigens eine weitere Ebene an Hervorhebung durch Weglassen hinzu, indem er das Stück einfach vom Laptop abspielte und selber von der Bühne verschwand.

Bald war er aber wieder da! Und bot, wie er sich selbst ausdrückte, „Zwölfton-Musik für Dummies“. Er spielte mehrere Zwölftonreihen, doch bevor sich eine von ihnen wiederholt, ließ er diese dank dekadent zerknautschtem Playback mit Beat in etwas münden, was sich als atonales Funk-Gemurmel bezeichnen ließe. Einer der seltenen geglückten Versuche, Bildungsbürgertum und Dancefloor zusammenzubringen. In derart kompetenter Ausführung ein durchaus zukunftsträchtiges Genre, mit integriertem Bildungsauftrag – was an so einem staatlich geförderten, weltoffenen Austragungsort natürlich besonders gut platziert ist.

Robert Lippok war Mitglied bei der Band To Rococo Rot

Wenig später unterhielt Naujoks durch Ausdruckstanz und Flötengewimmer aus dem Laptop. Ein äußerst vielseitiger Künstler ist der gebürtige Lübecker, der überdies bei der Präsentation seiner bewusst unvollendeten, aber dennoch voller Erfindungsreichtum steckenden Werke, großen Wert aufs Unprätentiöse legt.

Wenig prätentiös ist auch der Auftritt von Robert Lippok. Vielen Lesern ist er gewiss als Teil des bis 2014 aktiven Post-Rock-Trios To Rococo Rot bekannt, dessen verspielter Minimalismus die Szene des Nach-Wende-Berlin wie wenig andere Bands in die Welt trug. Lippok hatte auf seinem Triggerpad eine blätterige Zimmerpflanze befestigt, die dann immer, wenn Lippok auf dem Pad herumdrückte, wie eine lachende Marionette aus dem Kasperletheater zitterte. Ansonsten spielte er sein Post-Techno-Set in Ruhe und mit Konzentration ab, womit er der Musik die adäquate Ausstrahlung verlieh.

Diesmal setzt das „20 Sunsets“ auf weniger tanzbare Musik

Aufgrund des Bestuhlungszwangs setzt das „20 Sunsets“-Festival natürlich auf weniger tanzbare Musik als das globale Rhythmik gewidmete Wassermusik-Festival, als dessen Ersatz es fungiert – allzu zündende Beats würden die Zuhörer vermutlich aus den Stühlen reißen und tanzbedingt zum potenziellen Infektionsherd werden.

Nicht so bei Robert Lippok. Wie eingangs erwähnt, war allseits lässiges Unterschenkelwippen zu beobachten. Das liegt daran, dass Lippoks Musik neben oft finster brodelnden Flächen zwar so manches Klick und Wumms vom Drum-Computer enthält, dabei jedoch eines weglässt: das in Richtung Tanzfläche vereinende Bumm, der im Viervierteltakt durchgehenden Basstrommel.

Auslassung regt die Fantasie an: So dachte man sich das Techno-Stampfen und die Party dazu und konnte die anderen Elemente der Musik genauer erspüren und sich allerlei dazu einbilden: Klang hier eben ein Sample aus dem Lied „Do You Remember The First Time?“ der britischen Gruppe Pulp an? Oder hier zwei Takte aus Mahlers Fünfter? Höchstwahrscheinlich nicht. Doch stellt Lippok seine offensichtlichen Referenzen elektronischer Klangkultur in den Dienst der Imagination seitens des Publikums, anstatt es körperlich zu unterwerfen.

Wenn die körperliche wie seelische Unterwerfung durch das Virus dereinst durchgestanden ist, freuen wir uns auch wieder auf Abende voll purem Hedonismus. Doch ist es schön, dass durch die Krise vielleicht etwas häufiger das Introspektive, uns weniger ins Gesicht brüllende, zur Geltung kommt.

Das „20 Sunsets“-Festival findet bis zum 23.8. statt. Tickets, Infos und Programm unter: www.hkw.de/20sunsets