Filmszene aus „Undine“
Foto: Christian Schulz

BerlinWie oft sie sich umarmen! Erst recht zu Anfang, als sie ihre Liebe noch nicht fassen können. Sie halten einander fest umschlungen, um sich ihrer Gegenwart zu versichern. Ihre Körper begehren auf gegen die Abwesenheit. Eingangs mag diese Innigkeit noch der Pendlerbeziehung geschuldet sein, die sie zwischen Berlin und Westfalen führen. Liegt schon eine Ahnung in ihren Umarmungen, dass sie bald zwischen Leben und Tod pendeln werden?

Natürlich bezeugen Undine (Paula Beer) und Christoph (Franz Rogowski) ihre Gefühle auch mit Küssen, der anderen Geste, die Liebenden in der Öffentlichkeit zu Gebot steht. Aber an sie tasten sie sich erst heran. Ihre Küsse sind vorerst berührend, nicht bebend. Es ist fast so, als müssten sie diese Intimität noch entdecken. Einmal, als er fürchtet, dass sie ertrunken ist, belebt er sie mit einem Kuss wieder. Sogleich verlangt sie nach Wiederholung. Spüren die zwei, was man vor langer Zeit glaubte: dass sich bei der Berührung der Lippen die Seelen der Liebenden vermengen?

„Undine“ ist Christian Petzolds bislang sinnlichster, körperlichster Film. Das ist er nicht obwohl, sondern weil ihm eine spirituelle Dimension innewohnt. Sein Kino ist zwar fest in einer filmischen Gegenwart verankert, aber empfänglich für Brüche in der Wirklichkeit. Es spielt oft in Zwischenzeiten, wird bevölkert von Charakteren, die gestrandet sind in vorläufigen, ruhelosen, ja gespenstischen Existenzen. Sein neuer Film nun spielt in einem Zwischenreich; seine Charaktere stehen auf der Warteliste fürs Jenseits. Aber während „Transit“, seine schillernde Adaption von Anna Seghers' Exilroman, vom existenziellen Verschwinden handelte, erzählt Petzold jetzt von der Wiederkehr.

Er hat den alten Mythos vom Elementargeist Undine, der in der deutschen Romantik durch die Erzählung von Friedrich de la Motte-Fouqué wieder aufblühte, mit Ingeborg Bachmann gegengelesen. Petzold befreit die Titelheldin, die den Verrat der Liebe mit dem Tod ahndet, aus ihrem Status als Objekt männlicher Phantasie, löst sie aber nicht völlig aus ihrer mythischen Bestimmung. Seine Undine ist eine freischaffende Historikerin, die Vorträge über die Stadtentwicklung Berlins hält. Der Wassergeist scheint geerdet. Aber als ihr Freund (Jacob Matschenz) ihr eingangs eröffnet, dass er sich in eine Andere verliebt hat, erwidert Undine darauf mit einer Entschiedenheit, die aus einer anderen Epoche und Realität stammt: „Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten.“ Paula Beer beglaubigt diesen unerhörten Satz mit einer Beharrlichkeit des Blicks, die keinen Zweifel lässt an der Unbedingtheit ihrer Figur. Sie ist eine Pedantin der Liebe.

Unversehens trifft sie nach der Trennung jedoch auf Christoph, der ihr zu ihrem Vortrag gratulieren will. Auch er scheint einer anderen Wirklichkeit zu entstammen (sie hört, wie er nach ihr ruft, noch bevor er in Erscheinung tritt) und sieht Dinge, die andere nicht sehen. Dank seines Ungeschick, das ein Aquarium zerbersten lässt, finden sie sich in dem Element wieder, das sie verbinden soll. Er arbeitet als Industrietaucher, wobei er noch jenen bleischweren Anzug nebst eisernem Helm trägt, die man heute vornehmlich aus Jules-Verne-Verfilmungen kennt. Franz Rogowski spielt ihn zunächst als wandelnde Entschuldigung, tapsig, schüchtern, zuvorkommend. Wie seine Figur in „Transit“ treibt auch Christoph die Angst um, von der Liebe nicht gemeint zu sein. Rogowski verleiht ihm eine erhabene, lebenstüchtige Arglosigkeit, die ihn einen ebenso unerhörten Satz beglaubigen lässt: „Du sagst so schlaue Sachen, und so viele davon, auf so schöne Weise.“

Dieser Moment besitzt eine Poesie der Naivität, die sich nur ein kluger Autor und Regisseur gestatten kann. Petzold erkundet sein filmisches Labyrinth aus Traum und Wirklichkeit mit reflexiver Strenge. Seine Inszenierung reibt sich am Konkreten und blickt wachsam in die Transzendenz. Kaum je verschwimmen die Konturen vor Hans Fromms Kameraobjektiv; Bettina Böhlers Montage stellt Verknüpfungen her, die so logisch wie phantastisch sind; Martin Steyers Tonmischung ist hellhörig für das Timbre der Momente und für akustische Appelle aus dem Off.

Allem in „Undine“ ist ein doppelter Boden eingezogen, angefangen mit den Schauplätzen: Berlin, das auf einem Sumpf erbaut wurde, und die Talsperre, in der Christoph Turbinen repariert, gemahnen an gebändigte Natur. Der westfälische Schauplatz Brügge verweist zudem auf sein belgisches Gegenstück, die tote Stadt aus Georges Rodenbachs Roman und Erich Wolfgang Korngolds Oper, die ebenfalls von der Erweckung einer toten Liebe handeln. Ein Realist würde auf dem Erzählterrain des Märchens in die Irre gehen, ein magischer Realist wie Petzold jedoch zirkelt es präzise ab.

Undine Deutschland/ Frankreich 2020. Regie und Drehbuch: Christian Petzold. Kamera: Hans Fromm, Montage: Bettina Böhler. Mit: Paula Beer, Franz Rogowski, Maryam Zaree und anderen. 90 Minuten, Farbe, FSK: 12.