Wir sind im Paris von heute, die Autos auf den Straßen zeigen es. Doch schon die erste Szene lässt Zweifel an der Gegenwärtigkeit aufkommen. Georg, ein junger Mann, wird geschickt, jemandem Briefe zu überbringen. Die sind mit altdeutschen Buchstaben, in Sütterlin, beschriftet. Wenn Georg wenig später in Marseille eintrifft, das Romanmanuskript des Mannes in der Tasche, der die Briefe bekommen sollte, sieht die Stadt aus, wie heute Städte aussehen. Zum Telefonieren aber benutzen die Menschen öffentliche Münzfernsprecher.

Christian Petzold lässt die Zeit im Ungefähren in „Transit“. Mit den Schauplätzen verfährt er ähnlich. Solche Absteigen, wie Georg sie aufsucht, kann man sich in einer mitteleuropäischen Stadt heute nicht mehr vorstellen. Auch die Menschen lassen sich nicht klar zuordnen. Der kleine Junge, der auf der Straße Fußball spielt, sagt, er spreche nur wenige Worte Deutsch: „Scheiße, Doppelpass, Borussia Dortmund?“ Er wirkt wie ein Flüchtlingskind von heute. Und warum hat der Regisseur dem Darsteller des US-amerikanischen Konsuls nicht nahegelegt, wenigstens mit Kaugummi-Akzent zu reden? Dieser Beamte, der so genau auf alle Regeln achtet, scheint eher der deutschen Gesellschaft entsprungen.

Wie ein Phantom

Nach und nach, Stück für Stück wird es Gewissheiten geben in diesem Film: Pässe, gefälscht oder echt, Visa, Schiffspassagen, Bündel von Geldscheinen. Doch sobald man das eine Dokument hat, fehlt etwas anderes, Neues, von dem bisher nicht die Rede war. Die Menschen, denen sich der Film in der wirklich-unwirklichen Stadt nähert, sind alle im Wartestand. Sie sind auf der Flucht vor den Deutschen, der Arzt (Godehard Giese), der Dirigent (Justus von Dohnányi), die Assistentin des Architekten (Barbara Auer), die dessen schöne Hunde mit sich führt. Wie auch Georg, den man für den Schriftsteller hält, dessen Manuskript er bei sich hat – einen Text, der ihn beim Lesen in Trance versetzte. Franz Rogowski spielt diesen Georg als Suchenden, der mit dem Glück, das ihm geschieht, nichts anfangen kann. Er ist ein Held wider Willen. Er schämt sich, wenn andere scheitern.

Eine Frau fällt ihm auf, die oft wie ein Phantom vorbeihuscht, immer in Eile. Paula Beer spielt sie wie ein verletztes Tier. Als Georg mit Marie zusammenkommt, steht zu viel zwischen ihnen, ziehen Gewichte an seinen Schultern.

Weltliteratur

Es ist kaum möglich, sich unbefangen in diesen Film zu begeben, das Wissen um die großen Fluchtbewegungen des 20. Jahrhunderts, die Nachrichten der letzten Jahre lenken Blick und Gedanken. Um nüchtern zu schauen, müsste man schließlich vergessen, dass die Autorin das Buch unter dem Eindruck der eigenen Verfolgung durch die Nazis schrieb, auch in Marseille, das Schicksal des Wartens mit unzähligen Menschen teilend. Dieser Roman, 1944 auf Englisch und Spanisch herausgekommen, 1947 erstmals auf Deutsch gedruckt – in der Berliner Zeitung –, wurde nicht so berühmt wie „Das siebte Kreuz“, doch Anna Seghers’ modernes Erzählen in „Transit“ begründete ihren Rang in der Weltliteratur.

Menschlichkeit

Der Werkausgabe des Romans ist ein Brief beigefügt, in dem Seghers schreibt: „Die schwierige und komplizierte Situation hat manche Menschen zur Verzweiflung gebracht oder auf ganz verrückte Ideen, sie wurden zu Feiglingen oder sie waren heroisch, und das hat alles um einen herumgewimmelt.“

Diese Idee spricht aus dem Film. Christian Petzolds Inszenierung ist gelungen, weil sie den suchenden, gedankensaugenden Geist des Buches trägt. Es geht nicht darum, ob politische, religiöse oder wirtschaftliche Gründe die Menschen aus ihrer Heimat trieben. Es geht um ihre Existenz. Das unlösbare Rätsel, welche Papiere wann wo einzureichen sind, lässt die Figuren umherirren wie K. in Kafkas „Das Schloss“. Halt gibt dem Zuschauer eine Stimme aus dem Off, es ist die abgeklärte Sicht der Erfahrung. Sie gehört dem Schauspieler Matthias Brandt, den man stets nur kurz hinter der Theke des Bistros sieht, wo Georg Kaffee trinkt oder Pizza isst.

Manche Szene kommt durch die Zeitlosigkeit kurz ins Stolpern. Doch darüber strahlt die große Stärke des Films: seine Menschlichkeit. Der früher so kühle Petzold legt Wärme in diese Bilder.

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Transit Deutschland 2018. Regie: Christian Petzold; Drehbuch: Christian Petzold, frei nach dem gleichnamigen Roman von Anna Seghers; Kamera: Hans Fromm; Darsteller: Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Maryam Zaree, Barbara Auer, Matthias Brandt u. a. 102 Minuten