Wien ist Walzer, Berlin ist Marsch: Das mag nicht frei sein vom Klischee, hat aber auch seine Richtigkeit, was die Unterhaltungsmusik des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts betrifft. Während in Wien die Mitglieder der Familie Strauß Walzer um Walzer schrieben und Polka um Polka, erfreute man sich im Umfeld des deutschen Kaisers lieber an Zackigem. Johann Strauß Sohn hat übrigens beides zusammengebracht in seinem berühmten „Kaiser-Walzer“, den er 1889 schrieb für eine Zusammenkunft des österreichischen mit dem deutschen Kaiser. Damals lautete der Titel des Stückes „Hand in Hand“.

Beim Neujahrskonzert in Wien wird der Kaiser-Walzer zwar nicht auf dem Programm stehen, dafür wird mit Christian Thielemann erstmals ein Berliner dieses Konzert leiten, vielleicht darf man sogar sagen: ein Preuße. Über seine Faszination für den Alten Fritz und für alles Preußische hat Thielemann, mittlerweile Chef der Staatskapelle Dresden, ja immer wieder gesprochen, seit längerem schon wohnt er in Potsdam. Kein Hinderungsgrund, um auch in Wien geschätzt und von vielen auch verehrt zu werden.

Im Cutaway mit grauer Hose

Thielemann gehört seit Jahren zu den Dirigenten, die die Wiener Philharmoniker besonders mögen. Es überraschte dennoch ein wenig, als sie ihn für ihr Neujahrskonzert auswählten. Denn Thielemann ist ein Spezialist für gewichtiges deutsches Repertoire von Beethoven bis Wagner, Versuche mit der leichten Muse wirkten bislang eher angestrengt.

Dem kantigen Dirigenten wird in Wien jedoch entgegenkommen, dass die gute Laune beim Neujahrskonzert traditionell in konservativ-verbindlicher Form erscheint. Von einem Wiener Herrenausstatter beraten wird Thielemann im Cutaway mit grauer Hose auftreten. Und das wienerische Schwingen des Walzertaktes mit seinem vorgezogenen zweiten und dem lässig nachklappernden dritten Taktteil, das können die Philharmoniker schon von alleine.

Thielmann ist in der 78-jährigen Geschichte des Neujahrskonzertes überhaupt der erste deutsche Dirigent. Eine Sparsamkeit, die auch mit der heiklen Entstehungsgeschichte dieser Konzertinstitution zu tun haben dürfte. Das erste Konzert 1941 fand im Zusammenspiel mit den Machthabern in Berlin statt, die Erträge aus den Kartenverkäufen gingen an die nationalsozialistische Organisation „Kraft durch Freude“.

Im Lauf der Jahrzehnte wurde das Konzert zu einem Medienereignis, das mittlerweile von rund 50 Millionen Menschen weltweit verfolgen.