Christian Thielemann und das Orchester der Bayreuther Festspiele beginnen das „Lohengrin“-Vorspiel in zarter Entschiedenheit: ein leiser, heller, leuchtender, schließlich gleißender Klang. Thielemann lässt das Stück schweben, wenn er dessen Phrasierung hier und da vage lässt, eben nicht unter die von Wagner verabscheute „Quadratur“ der Taktgruppen zwingt, die das Stück dennoch strukturiert.

Am Sonnabend wurde ähnliches von Valery Gergievs Interpretation der „Tannhäuser“-Ouvertüre erzählt, aber negativ gewertet. Das liegt daran, dass das „Lohengrin“-Vorspiel andere Räume öffnet als die „Tannhäuser“-Ouvertüre. Außerdem weiß Thielemann anders als Gergiev, was man unter dem Deckel des Bayreuther Grabens anstellen muss, um draußen das gewünschte Ergebnis zu bekommen.

Auf dem Rücken Insektenflügel

Der Vorhang öffnet sich über einer von Neo Rauch und seiner Frau Rosa Loy gestalteten Landschaft in Blau. Berge bilden die Umgebung, in der Mitte ist eine Trafostation mit Elektroblitz im runden Fenster. Die mittelalterlichen, vorelektrischen Kostüme, die Isolatoren und Hochspannungsleitungen, dazu die Insektenflügel auf jedem Rücken: Das ergibt die prachtvolle Brüchigkeit, wegen der Rauchs Bilder so beliebt sind. Gregor Zeppenfeld singt einen jugendlichen König Heinrich, ungemein textverständlich und heldenhaft klingt er. Bemerkenswert, wie sich Thielemann auf diese nicht unbedingt große Stimme einschwingt, dem Orchester einen Klang abverlangt, der laut klingt, aber nicht ist.

Camilla Nylund gibt die Elsa von Brabant

Telramund tritt auf. Folgt man Tomasz Koniercznys temperamentvoll-düsterer Interpretation, scheint er ein Bösewicht zu sein. Das wirkt feurig, aber auch etwas eindimensional. Mit den Vokalen verfährt er eigenwillig; singt er „ja“, klingt es wie „yeah“. Wenn Elsa von Brabant vom Gerichttag haltenden König herbeigerufen wird, ist sie bereits gefesselt – würde man so  mit einer adligen Person verfahren? Sie ist über dem Verdacht, ihren Bruder beseitigt zu haben, bereits grau geworden, und so mag man auch Camilla Nylunds Stimme, die nicht mehr jugendlich-dramatisch klingt und für ein piano in der Höhe tricksen muss, hier akzeptieren. Indes rettet sie, die eigentlich nur für die Eva in den „Meistersingern“ engagiert war, die Aufführung, da vor zwei Wochen Krassimira Stoyanova absagen musste.

Unfassbar schön ist Lohengrins Auftritt. Die ihn ankündigenden, schwierigen Chöre, von Eberhard Friedrich einstudiert, klingen  plötzlich wie poliert, keine Spur von Routine wie im „Tannhäuser“ tags zuvor. Klaus Florian Vogts „lieber Schwan“ ist so leicht und sanft gesungen, dass es wehtut. In seinem blauen Overall ohne Insektenflügel wirkt Lohengrin wie ein Mitarbeiter vom Wartungsdienst. Telramunds gewaltigem Schwert setzt er einen Elektroblitz entgegen, zum Kampf steigen sie an Fäden in die Luft – was auch wegen der schummrigen Beleuchtung erbärmlich aussieht. Am Ende hat Lohengrin dem Telramund einen Insektenflügel abgerissen.

Regie führte Yuval Sharon

In der ersten Hälfte des zweiten Akts hat Elena Pankratova als Ortrud ihre große Stunde. Anders als ihr Partner in dieser Szene, Konieczy als Telramund, singt sie auf einer weiten Ausdrucksspanne zwischen Abscheu und Schmeichelei und schier furioser Dämonie. Nur leider ist die an sich eindrucksvolle Dämmerlandschaft samt Wolken, die wie schwere Träume ziehen, so dunkel, dass sie die Personen verschluckt. Yuval Sharon, der als Regisseur benannt ist, aber erst nach Rauch und Loy engagiert wurde, spart sich darum jede Regie. Nach Tagesanbruch wird es nicht besser: Wir sehen das Bühnenbild des ersten Akts von hinten und rost-orange gefärbte Tragwerke für die Stromleitung. Man kann dazu nichts sagen, es ist zwar grandios dirigiert, aber mangels Inszenierung sehr langweilig.

Zum Niederkien transparent

Solche inszenatorische Sparsamkeit verträgt der dritte Akt, wenn gute Sängerdarsteller auf der Bühne stehen – und das ist zum Glück der Fall. Thielemann dirigiert das überschwengliche Vorspiel kontrolliert und dennoch ekstatisch, der Klang ist zum Niederknien transparent. Und diese Zärtlichkeit danach! Man möchte für alle Thielemann-Nörgeleien Abbitte leisten und einräumen, dass die Einschränkung des Repertoires doch zuweilen sinnvoll sein kann, denn wann wird Musik je so tief verstanden zum Klingen gebracht? Nylund und Vogt machen aus dem Herantasten an die verbotene Frage nach seinem Namen ein Kammerspiel von größter Intensität. Vogt ist trotz zuweilen etwas angestrengter Spitzentöne auf dem Höhepunkt seiner Gestaltungsfähigkeit, am Ende bekommt er minutenlang Applaus. Die Gralserzählung hat man kaum je so sinnig gehört, so klug gesteigert, so strahlend.

Gottfried als Ampelmännchen

Bevor Lohengrin sich verabschiedet, bereitet er dem verschwundenen Gottfried den Auftritt als grünes Männchen mit Hut und Blitz in der Hand. Das sorgte bei der Premiere vor einem Jahr für Gelächter, über das sich Sharon nun im Programmheft wundert: Gottfried repräsentiert die Natur, daher ist er grün. Offenbar nimmt Sharon nicht am deutschen Straßenverkehr teil, sonst hätte er erkannt, dass er aus Gottfried ein Ampelmännchen gemacht hat.