Christian Y. Schmidt hatte eine Kolumne in der taz, in der er aus China berichtete. Es sind sehr kurze Beiträge, in denen er mit viel Vergnügen unseren China-Bildern energisch widerspricht. Unserer – auch meiner – Liao Yiwu-Begeisterung zum Beispiel tritt er entgegen mit der ja völlig berechtigten und naheliegenden Frage, woher wir denn wüssten, was alles stimme und was nicht an Liao Yiwus Geschichten? Identifiziert sich Liao Yiwu nicht gar zu sehr mit den von ihm befragten Vergewaltigern und Obskurantisten? Die Wahrheit ist, dass ich das von dem Ohrensessel des lesenden Opas aus, in dem ich die Bücher Liao Yiwus, aber natürlich auch diesen schmalen Band von Christian Y. Schmidt lese, nicht wirklich beurteilen kann.

Ich bin also angewiesen auf Liao und auf Schmidt. Ich bin angewiesen darauf, dass aus den verschiedenen Ansichten mir etwas klar wird. Das gilt auch für Ai Weiwei. Schmidt erinnert daran, dass der Architekt und Künstler nicht davor zurückschreckte, gated communities für Superreiche zu planen. Dass daraus nichts wurde, lag nicht an Ai Weiweis subversiver Obstruktion, sondern am Allgewöhnlichsten: das Geld ging aus. Christian Y. Schmidts Kolumnen muss man lesen. Nicht nur, wenn man sich für China interessiert. Schmidt zeigt, dass wir von China aus die Welt, in der wir leben, besser verstehen.

Er lebt in China, weil er dort „Zeuge der gewaltigsten materiellen Umwälzung in der Geschichte der Menschheit“ ist. Nimmt er den Mund da nicht doch ein wenig zu voll? Er relativiert das und meint, das habe vielleicht eine Entsprechung in der Entwicklung Europas im 19. Jahrhundert. Das glaube ich nicht. In China geschieht in ein paar Jahrzehnten, was in Europa 150 – 200 Jahre brauchte. Schmidt hat Recht, dort zu sein. Es ist unser Glück, dass er darüber schreibt. Wir müssen ihn lesen und natürlich auch die anderen. Zum Beispiel Bernhard Bartsch und Frank Sieren.

Christian Y. Schmidt: Im Jahr des Hasendrachen, Verbrecher Verlag, Berlin 2013, 215 Seiten, 13 Euro.

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