Christiane Rösinger spielte beim „20 Sunsets“-Festival tollen Pop.
Foto: Roland Owsnitzki

BerlinBeim vorletzten Wochenende des „20 Sunsets“-Festivals hatte sich die zugelassene Menge von 300 Zuhörerinnen und Zuhörern auf der Dachterasse des Hauses der Kulturen der Welt eingefunden. Am Sonnabend – diesmal besonders begeistert, so schien es – applaudierten sie zwei recht unterschiedlichen musikalischen Darbietungen: den schwermelancholischen Post-Jeff-Buckley-Elegien des polnischen Künstlers Marek Polgesek alias Nansea und dem allseits beliebten Liebesüberlebenspop der Musikerin und Autorin Christiane Rösinger, die einst auch für die Berliner Zeitung schrieb.

Nansea näherte sich mittels Klavier-Arpeggien sozio-politischen Zusammenhängen unserer Zeit aus verschiedensten Blickwinkeln: So handelte ein Lied von Ölraffinerien, ein anderes dafür von der Notwendigkeit von Safe Spaces für Menschen, die sich nicht dem Gender-Mainstream zugehörig fühlen. Die Tonfolgen, die Nansea hierzu emittierte, waren dann selbst aber doch ein ziemlicher Safe Space - etwas für Leute, die sich eine Radiohead-Unplugged-Aufnahme anhören und sagen: das sei doch noch richtige Musik.

Eher musikalisch unrichtig, aber dafür sehr ohrwurmlastig und also rundherum großartig geht Christiane Rösinger die sozio-politischen Zusammenhänge unserer Zeit aus dem immer gleichen Blickwinkel des Beziehungsbashing an. Begleitet von der Gitarristin Claudia Fierke und gelegentlichem Playback, bot sie einen „bunten Strauß an Depressionen“ aus ihrer „achtzigjährigen“ Laufbahn dar; mit dabei seien „Lieder aus drei Jahrhunderten“, so kündigte sie es zumindest an.

Der polnische Künstler Marek Polgesek alias Nansea.
Foto: HKW/Sebastian Bolesch

Christiane Rösinger sinnierte bei „20 Sunsets“ über Pärchen

Ein kurzes, aber vertraut befreiendes Greatest-Hits-Set folgte, mit Stücken aus ihrer Zeit bei den Lassie Singers und deren Nachfolgeband Britta. Sie spielte aber auch Stücke aus  neueren Solo-Alben und aus ihrem aktuellen Musical „Stadt unter Einfluss“, welches sich kritisch mit Fragen der Gentrifizierung auseinandersetzt.

Als Wurzel allen gesellschaftlichen Übels identifiziert Rösinger das Konstrukt des Pärchens: Egal, ob die traut Zweisamen für die aggressiv normative Ausgrenzung anderer verantwortlich sind wie im Lassie-Singers-Klassiker „Die Pärchenlüge“ mit seiner nach knapp dreißig Jahren noch gültigen Analyse „Pärchen stinken, Pärchen lügen, Pärchen winken und fahren nach Rügen“ - oder ob sie im Stück „Eigentumswohnung“ aus dem bereits genanntem Musical „Stadt unter Einfluss“ zum Motor urbaner Immobilienblasen werden.

Niemand versteht es, die deprimierenden Realitäten des Privaten im Sozialen so schön anzumoderieren und die Richtungs- und Sinnlosigkeit unser aller Existenz in derart erheiternde Popmelodien zu kleiden wie Rösinger. Die bestimmt mehrheitlich in Paarform lebenden Menschen im Publikum dankten es ihr mit großem Applaus.

Das „20 Sunsets“-Festival findet bis zum 23.8. statt. Tickets, Infos und Programm unter: www.hkw.de/20sunsets