Der Verhüllungskünstler Christo starb Ende Mai in New York.
Foto: dpa/Paul Zinken

BerlinViele Worte des Gedenkens an Christo konnte man dieser Tage hören und lesen. Sein Tod rief die Verwandlung des Berliner Reichstags in eine, wie Schorlemmer es nannte, „friedfertige Schönheit“ in Erinnerung. Christo und Jeanne-Claude hatten die Stadt fast auf den Tag genau vor 25 Jahren und nach ebenso langem Vorlauf der Ablehnungen und Verzögerungen mit der Skulptur eines spektakulär verhüllten Gebäudes bezaubert. „Alle Arbeiten Christos wurden zuerst angefeindet, dann gefeiert“, schrieb 1985 die Zeit. Dem New-York-Berliner Michael S. Cullen, der die Reichstags-Idee hatte, müssen wir noch heute für seinen langen Atem und unzählige Verhandlungen dankbar sein.

Ich hatte 1969 gemeinsam mit meinem Freund Jochen Goetze meine eigenen Erfahrungen mit Christo gemacht. Uns hatten Begeisterung und Naivität von Außenseitern des professionellen Kunstbetriebes zu einem folgenreichen Abenteuer verführt. Wir wollten einer konventionell geplanten Ausstellung des Heidelberger Kunstvereins die „intermedia 69“ mit Einladungen an alle von uns verehrten Künstler entgegensetzen. Beuys, Spoerri, Nam June Paik, Uecker, Palermo … die Liste war so lang wie die Hoffnung auf Spenden, die nie fließen sollten, groß war.

Für Christo hatten wir in einem Anflug von Größenwahn geplant, er solle das Heidelberger Schloss verhüllen. Aber Stadt und Land wehrten sich mit aller Kraft ihrer Ämter dagegen, die Ruine möglicherweise noch mehr zu ruinieren.

Als Alternative bot sich das Amerika-Haus an. Die BASF stellte uns eine Wagenladung Gitterfolie samt Nylonseil und Klebebändern zur Verfügung. Das Zertifikat „nichtentflammbar“ überzeugte auch die örtliche Feuerwehr, die noch nicht ahnen konnte, welch waghalsiger Kletterei sie grünes Licht gegeben hatte.

Am Himmelfahrtstag um sechs Uhr morgens wurden die schweren Folienrollen aufs leicht abschüssige Dach geschleppt, wo sie unter Christos Anleitung Bahn um Bahn mühselig mit Draht aneinandergeknüpft wurden. Dann sollte der mit Kanthölzern beschwerte große Vorhang hinabgelassen werden. Aber die Riesenhaut verfing sich an Drähten der Straßenbeleuchtung. Alles zurück aufs Dach. Bei einigen kamen Zweifel an Christos technischen Planungen auf, zumal die schwierigsten Probleme noch zu lösen waren.

Ein Student mit Bergsteigerausrüstung erklomm den Dachfirst. Frei in der Halterung schwebend, gab jetzt er die Kommandos und ließ sich Rolle um Rolle reichen, die in dichter Folge nach unten sausten. Inzwischen blähte ein aufkommender Gewittersturm die Bahnen. Es war Vatertag und einige volltrunken heimkehrende Kneipengänger rissen immer wieder an allem, was frei herabhing. Ein Teil unserer Mannschaft musste mit der immer aufgebrachteren Menge diskutieren, um wenigstens die bisherige Arbeit zu sichern.

Nur einer blieb völlig gelassen, als ginge ihn das Ganze gar nichts an: Christo. Geduldig versuchte er, nun von unten Bahn um Bahn mit Draht zu verbinden, aus dem wirren Durcheinander eine halbwegs glatte Fläche zu schaffen. Auch nach Mitternacht glich das Ganze eher einem Notverband mit vielen vergessenen Flächen als einer perfekten Umhüllung. Ein Hauch von Trauer, von Verwundung lag über der Szene: keine stolze, heroische Geste – eher ein hilfloses Signal von Verletzbarkeit.

Wahrscheinlich war es Christos unvollkommenstes Werk. Es passte aber wie kein anderes in die Zeit und schuf so eine Faszination, die der Perfektion nur selten gelingt. Uns blieb der Heidelberger Bürgerzorn und eine Schuldenrechnung für das beim Abbau ramponierte Schieferdach.