Schriftsteller Christoph Hein
Foto: epd/Jens Schulz

BerlinBerühmt geworden ist Christoph Hein vor fast vierzig Jahren mit seiner Novelle „Der fremde Freund“. Darin untersucht eine Ärztin ihr freudloses Leben, das oberflächlich besehen ein glückliches hätte sein müssen. Viele Romane, Theaterstücke und Erzählungen später schreibt Christoph Hein nun wieder aus der Perspektive einer Frau: „Ein Wort allein für Amalia“. Diesmal ist es eine historische Figur, die Stieftochter Gotthold Ephraim Lessings. Und Heins Erzähltechnik erweist sich als wesentlich ausgefeilter.

Maria Amalia Henneberg, geborene König, erinnert sich in einem Brief an Lessings letzte Tage. Anfang Februar 1781 reiste sie kaum zwanzigjährig von Wolfenbüttel, wo sie mit ihren Brüdern wohnte, nach Braunschweig zu ihrem schwer erkrankten Stiefvater. Er ist ihr herzlich zugetan, sie liebt ihn wie einen Vater.

Die Gespräche, die andere in Amalias Gegenwart mit Lessing führten, waren ihr nicht fremd; sie wusste die Arbeitsunterlagen und die Post des Kranken zu sortieren und zu entscheiden, was für ihn interessant sein könnte. Deshalb wundert ihr durchdachter Schreibstil nicht. Doch verwandelt sich der Autor Hein hier nicht nur in eine 81-jährige Schreiberin, er lässt diese sich in ihre zurückliegenden Gedanken begeben und gibt zudem Lessing selbst das Wort.

Der bedeutende Dramatiker und Essayist der Aufklärung war sich seines nahenden Endes zwar bewusst, wollte aber noch mindestens ein Werk zu Papier bringen – ohne Rücksicht nehmen zu müssen. „Der Spitzfindigkeiten der Theologie und Philosophie bin ich gänzlich überdrüssig“, sagt er. Auch mit dem Theater hat er abgeschlossen. Er resümiert, „dass wir nicht erwartet wurden und noch weniger gebraucht“. Christoph Hein greift Lessings Verdruss über Friedrich II. auf, der ihn nicht bei Hofe anstellen wollte: „Wie soll da ein großer Mann Unterschlupf finden, wo allein große Kerle gefragt sind?“ Die Arroganz des Preußenkönigs dem Geistigen gegenüber könnte man als Gleichnis für spätere Politiker deuten, ebenso wie Amalias Ärger über die Presse. Doch das wäre zu plump. Hein sucht hier die Tiefe, den Kern, der über die Zeiten hinweg bleibt.

Das Buch

Christoph Hein:
Ein Wort allein für Amalia.

Illustriert von Rotraut Susanne Berner.
Insel Verlag, Berlin 2020.
88 S., 14 Euro.

Sein Lessing bezeichnet die menschliche Fähigkeit, „Kränkungen und Demütigungen zu ertragen“ als Wohlstand, er preist also die Kulturleistung der Resilienz. Und er wünscht nicht mehr die Versöhnung der Religionen, sondern eine Welt ohne diese Abhängigkeiten: Er suche „einen kurzen Weg nach dem Land, in dem es weder Christen noch Juden gibt“. Das Buch bringt die Leser in Denkspuren, so wie auch Amalia der Adressatin ihres Briefes am Ende einiges zu denken gibt.   

Zwischen den Seiten finden sich Illustrationen von Rotraut Susanne Berner. Sie zeigen einfache Dinge, die bei näherer Betrachtung nicht der herkömmlichen Vorstellung entsprechen: Eine Erdbeere, die größer ist als der Teller darunter, zwei schwarze Tulpen, die sich aus einer Tasse biegen oder ein Schmetterling, der den Schemel überragt, auf dem er sich niederlässt. Auf dem Musterpapier des Einbandes, der für dieses Insel-Bändchen Nr. 1479 gestaltet wurde, tauchen davon einige in Miniatur wieder auf. Sie sind schon vor dem Lesen eine Einladung, auf die kleinen Dinge zu achten.