Christoph Johannes Markschies, evangelischer Theologe und Professor für antikes Christentum.
Foto: Imago Images/Reiner Zensen

Berlin Christoph Markschies, geboren 1962 in Berlin-Zehlendorf, ist evangelischer Theologe und Professor für antikes Christentum an der Humboldt-Universität. Von 2006 bis 2010 war er Präsident der Humboldt-Universität und als solcher Mitglied der Jury, die den Entwurf von Franco Stella zur Realisierung des Humboldt-Forums auswählte. Im Oktober wird er Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Wir fragten ihn nach der Inschrift des Kreuzes am Humboldt-Forum.

Herr Markschies, jeder, der künftig durch das Westportal zum Humboldt-Forum schreitet, tut dies unter einem goldenen Kreuz und der rekonstruierten Inschrift-Zeile „… im Namen Jesu sich beugen …“. In diesem Namen wurden Kulturen zerstört, Millionen Menschen ausgebeutet, versklavt, ermordet. Was bedeuten Kreuz und Inschrift für Sie vor diesem Hintergrund?

Als evangelischer Theologe hätte ich noch mehr und anderes über das Kreuz und den Namen Jesu zu sagen. Für mich als Historiker sind die Fassade und damit auch die Kuppel, das Kreuz und die Inschrift darunter aber Ausstellungsstücke. Ausstellungsstücke werden in jedem Museum erklärt und eingeordnet. Es geht im Humboldt-Forum eben neben der Darstellung indigener Kulturen und der Gegenwart auch um die Auseinandersetzung mit unserer eigenen Geschichte.

Ausstellungsstücke werden in Museen allenfalls von Restauratoren behandelt, nicht neu gemacht.

Für die meisten Museen gilt, dass das Ausgestellte irgendwo auf einer Skala zwischen Original und Neuschöpfung steht – unter der Kuppel und dem Kreuz wird ja eine buddhistische Höhle mit Wandmalereien inszeniert, die auch eine Rekonstruktion eines Objektes von der Seidenstraße mit Originalteilen ist. Es kommt immer darauf an, dass Betrachter im Museum die Objekte einordnen können. Da könnten also beispielsweise beim Humboldt-Forum außen Fernrohre stehen und dazu die notwendigen Erklärungen gegeben werden – sonst versteht die eine Hälfte der Besucher das Problem nicht und die andere Hälfte versteht es miss. In jedem Fall muss klar werden, dass es sich bei all dem um Teile einer Ausstellungsarchitektur handelt, nicht um die Bauzier einer Kirche und nicht um die Botschaft des Humboldt-Forums.

Der Nachbau des Kreuzes ist untrennbar mit der Kuppel und der Inschrift verbunden, die Friedrich Wilhelm IV. komponierte. Kannten Sie den Text der Inschrift?

Die war mir bekannt. Friedrich Wilhelm IV. ist für jemanden meines Fachs eine interessante Figur. Er war wie andere Hohenzollern ein Laientheologe. Im Brief an die Philipper, dem einen Teil der Inschrift, geht es eigentlich um den Gottesnamen. Denn Paulus hat die Vorstellung, dass am Ende der Zeiten Christus selbst seine Herrschaft abgibt und Gott „Alles in Allem“ ist. Der „Name über allen Namen“ ist also eigentlich der Gottesname. Friedrich Wilhelm IV. hat durch seine Kombination mit der Zeile aus der Apostelgeschichte den Schwerpunkt auf den Namen von Jesus Christus verschoben. Das ist das Zeugnis eines erwecklichen Laienchristen des 19. Jahrhunderts – und natürlich auch ein politisches Dokument des Königs.

Wurde über die Botschaft des Kreuzes und der Inschrift debattiert, als ihr Nachbau 2012 in der Baukommission beschlossen wurde?

Ich habe nur bis zum Ende meiner Präsidentschaft 2010 die Interessen der Humboldt-Universität in den verschiedenen Gremien vertreten.

Der Text hat aus meiner Sicht erst einmal eine antijüdische Tendenz, wenn das Heil alleine durch den Glauben an Jesus versprochen wird …

Die Inschrift ist so antijüdisch wie das gesamte Christentum in Preußen zu der Zeit antijüdisch war – man hat auf die Tatsache, dass Jesus Jude war, theologisch keine Rücksicht genommen. Das ist nicht schön, aber das ist so. Für mich gehört es auch zur Ehrlichkeit dieser Rekonstruktion, dass man das Problematische der christlichen Theologiegeschichte zeigt. Sehen Sie sich den Staatsrat an: Dort hat die DDR statt des preußischen Königsadlers zwei Jahreszahlen in den Portalschmuck des rekonstruierten Schlossportals eingefügt – das ist nicht ehrlich. Da war Bertolt Brecht im Berliner Ensemble ehrlicher, als er den preußischen Adler belassen, aber mit roter Farbe durchgestrichen hat – das hatte Witz und poetische Kraft.

Aber die, wie Sie sagten, erweckliche, man könnte auch sagen, evangelikale Tendenz der Inschrift ist aus meiner Sicht auch antikatholisch, lässt etwa gute Taten oder das perfekte Ritual außen vor als Wege zum Heil …

Antikatholisch war Friedrich Wilhelm IV. nicht. Eher im Gegenteil: Er versuchte durch eine Art Katholisierung der evangelischen Kirche ökumenische Fortschritte zu erreichen. Nach seinem laientheologischen Verständnis der christlichen Antike wollte er die evangelische Kirche Preußens zurück zu den Anfängen bringen mit Diakonen und einem Erzbischof mit Sitz in Magdeburg. Das erscheint auf den ersten Blick rückwärtsgewandt. Und das Projekt ist auch letztlich gescheitert. Aber man kann das auch als Versöhnung mit den katholischen Untertanen in Preußen sehen. Der König hatte die Hoffnung, durch den Rückbezug auf das frühe Christentum eine neue weltweite Gemeinschaft der Christen zu erreichen. Deswegen entstand zusammen mit den Anglikanern ein gemeinsames Bistum in Jerusalem. Für immerhin zwei Bischöfe hat das auch funktioniert. Ich will das jetzt nicht idealisieren, dies Bistum hatte auch viel mit der preußischen und der britischen Politik im Nahen Osten zu tun – aber so weit, gemeinsame Bischöfe zu haben, sind wir heute in der Ökumene nicht. Geschichte verläuft eben nicht glatt, ist ambivalent.

Unterscheidet sich die Anmaßung dieser Inschrift, das Christentum alleine wisse den Weg zum Heil, von der antisemitischen Skulptur einer „Judensau“ in Wittenberg?

Das kann man gar nicht vergleichen. Die Wittenberger „Judensau“ muss man entfernen. Man kann nicht eine strafgesetzwürdige Verhöhnung eines anderen Menschen an einer öffentlichen Außenwand mit einer Kommentierung versehen stehenlassen. Aber man kann an der Debatte durchaus sehen, dass sich die Sensibilität im Umgang mit den Zeugen anderer Epochen gesteigert hat.

Hätten Sie, wenn man Sie gefragt hätte, ein Kreuz auf das Humboldt-Forum stellen zu lassen, diese Inschrift wieder anbringen lassen?

Ja, das hätte ich. Es ist ehrlicher, ein Problem auch auszustellen und Konflikte in der Gesellschaft offenzulegen. Und die erste Kreuzdebatte 2017 hat schon gezeigt, dass man sich anhand solcher Zeichen auch über unser Verhältnis zur Vergangenheit und zur Religion streiten kann. Das kann mir als Historiker und Theologe nur recht sein.