Berlin - War da auch ein Hauch Erleichterung im Premierenjubel zu vernehmen? Nicht, dass bei Christoph Marthaler ein misslungener Abend zu befürchten wäre. Die auf und hinter der Bühne haben ihre Sache auch bei „Tessa Blomstedt gibt nicht auf“ natürlich wieder ganz toll gemacht.

Es scheint jedoch, als freuten sich die Zuschauer auch über sich selbst, über die Fähigkeit, sich von so etwas Schönem, Poetischem, Schiefem, Wirrem einfangen zu lassen. Es scheint, als wären sie stolz und dankbar, weil sie Fehler und Macken haben dürfen, die in der Welt von Tessa Blomstedt nicht erwünscht sind und mit slapstickhaften Vertuschungsversuchen umso auffälliger werden.

Die Bühnenbildnerin Anna Viebrock hat eine seltsame Behausung aus irgendeiner vergessenen Ecke der Wirklichkeit in die Volksbühne gerümpelt. Ein dauerhaft zwischengenutztes Beton-Souterrain, das sein Dasein kurz vor dem Hinterausgang eines Gewerbegebiets fristet. Es gibt darin einen kleinen kunstlichtbeschienenen Zimmerpflanzendschungel, eine Glaskabine, ein Bücherregal.

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Hinten führt eine nackte Treppe in die Oberwelt, vorn im Orchestergraben liegen Kisten und Säcke mit vor langer Zeit Aussortiertem und kurz danach Vergessenem herum, zum Beispiel eine Gambe, nebst jemandem, der sie zu spielen versteht. Menschen haben sich da auch eingenistet: kaum lästig fallende, zauselige, liebesbedürftige, anpassungsbemühte, sehr tapfere Marthalerianer, die, wie wir alle, auch mal zu was taugen oder jemandem gefallen wollen.

Unter anderem Tessa Blomstedt in Gestalt der weltbestgelaunten Fassbinder-Diva Irm Hermann, die auch in roten Gummipantoffeln mit verführerischer Grandezza ein paar Tanzbewegungen andeutet, die zuallererst ihr selbst, dann aber auf jeden Fall auch den Leuten da draußen ahnungsvolle Freuden bereiten. Sie dürfte die Chefin und beste Kundin dieses Ladens sein, von dem nicht so ganz klar ist, womit er Geschäfte macht. Tessa zur Seite stehen der „Retrovirus“ Ulrich Voß, ein steifer Riese, der seltsame Reden voller Anweisungspathos hält, und Clemens Sienknecht, ein ziemlich miesgelaunter Frontmann und Musikhausmeister.

Das Ganze ist wohl ein abgewickeltes Eheanbahnungsinstitut, das sterbend seinen letzten Seufzer in die neue Zeit hinüberhaucht und noch schnell irgendwelche, selbst kaum durchschaute Image-Building-Dienste für das Internetdating vertickt. Nebenher gibt es auch Präsenzcoachings sowie Fitness- und Rhetorikkurse, lauter Unverzichtbarkeiten für die Selbstoptimierung, die wiederum Voraussetzung für die internetgenerierte Kontaktaufnahme mit selbstoptimierten Artgenossen ist.