Christoph Müller beschenkt Museum Schwerin: Das Schenken ist des Müllers Lust

Jetzt schlägts Fünf; es kommt die große Stunde des Sammlers und Mäzens. Am Alten Garten, gegenüber dem Schweriner Schloss, ist zu dieser Spätnachmittagszeit das ganze Kulturbürgertum der Stadt zusammengelaufen. Und oben im Oberlichtsaal mit den exotischen Bestien, die sich dereinst Christian II. Ludwig Herzog zu Mecklenburg bei dem französischen Hofmaler Oudry bestellt hatte, da steht nun am Rednerpult ein aufgedrehter, schwäbelnder Berliner. Hinter ihm ein brüllender Löwe, gefährliche Leoparden und das träge glotzende Nashorn Clara.

Christoph Müller übergibt espritgeladen wortreich der Stadt Schwerin seine auf 30 Millionen Euro geschätzte, im Grunde aber unbezahlbare Sammlung holländischer und flämischer Malerei des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Es waren Altmeister wie Joos van Cleve, Willem Duyster und Hendrick van Vliet am Werk. Ein seltener Paulus Potter und ein winziges Jesuitenporträt Jan Brueghel d. Ä. krönen die opulente Schenkung des 75-Jährigen, der seinen Schatz, wie er versichert, nicht in bessere Hände geben könnte als in die der Schweriner Museologen.

Die Welt der Holländer und Flamen taucht auf aus der Geschichte; Bilder erzählen die Ursprünge, Ausformungen, Hintergedanken und Gebrauchsanweisungen jener Epoche, die das „Goldene Zeitalter“ heißt. So wird die wohl größte Schenkung von Altmeister-Gemälden, die ein deutsches Museum nach 1945 erhielt, vollzogen. 600 berühmte Niederländer besitzt das Haus aus großherzoglichen Zeiten. Müllers 155 Tafeln, teils in den originalen schwarzen wie raumgestaffelten Rahmen, schließen so gut wie jede historische, stilistische und genrebezogene Lücke. 92 der Maler waren bisher in diesem Haus nicht vertreten. Wer also künftig die Malerei der Blütezeit der einstigen Bürger-, See- und Handelsmacht außerhalb Amsterdams und des Pariser Louvre erleben möchte, muss nach Schwerin fahren.

Im Saal kann vor lauter Leuten kein Apfel mehr zur Erde, Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) findet pathetische Worte wie „mäzenatische Großtat“ für den Sammler. Zuvor haben Kunstexperten wie der Kurator Gero Seelig gesprochen und die Fülle, Breite, Tiefe, das Enzyklopädische der „Jahrhundertgabe“ gerühmt.

Dann, endlich, ist Christoph Müller dran. Ein Typ, zu dem der Bibelspruch „Geben ist seliger denn Nehmen“ passt, wie der Maßanzug, den er trägt. Der gebürtige Tübinger, dort bis zur Pensionierung ein geschätzter Zeitungsverleger, danach Wahlberliner, nun auch noch Wahl-Mecklenburger, plaudert sich, philosophisch und anschaulich witzig, so ganz ohne Kunsthistoriker-Latein in seinem schnellen breiten Schwäbisch durch die in 30 Jahren aufgebaute, weltweit auf Auktionen ersteigerte, auch von anderen großen Museen heiß begehrte Sammlung.

Die hatte er schon seit mindestens sechs Jahren Schwerin versprochen, nachdem ihm klar war, dass es in Berlins beengter Altmeister-Galerie wohl nichts werden würde mit der Sammlung, die, so seine Bedingung, auch dauerhaft zu sehen sein soll. Abgehalten hat ihn nicht zuletzt das hiesige peinlich-halbherzige Hinhalte-Spiel der Preußenstiftung mit der Surrealisten-Sammlung Pietzsch.

Nach etlicher Wartezeit auch in Schwerin ist dieser Müller’sche „Kosmos der Niederländer“, in dem, wie der Sammler betont, „Tulpenfeld und Weltpolitik zusammengehen“, aufgespannt, an den Wänden wirksam unterlegt mit Himberrot und Grau, Braun und Lila, Weiß und Lichtgelb, Orange und tiefem Kardinalsrot. Letzteres für den religiösen Teil der Sammlung, von Details aus dem Marienleben und Kreuzigungsszenen bis zu Kirchenarchitekturbildern mit Totentafeln an den Säulen – und einer echten solchen Trauer-Tafel an der Wand.

Müllers Niederländer erzählen vom Leben damals, dem der rauen, derben Landleute, der Vorstädter und dem wohlhabenden Bürgertum, das sich selbstbewusst porträtieren ließ und dem Betrachter gleichsam aus dem Bild heraus selbstbewusst ins Auge blickt. Die Landschaften – Wald, Feld, Dünen – düster und karg im holländischen, farbsaftig im flämischen Stil, werden abgelöst von Seestücken, dramatisch-schön, von Sturmwellen gepeitscht und Felsenriffen bedroht. Aber niemals triftet so eine Darstellung ins Tödliche, eher ins Heitere eines goldenen Sonnenuntergangs überm Meer, wo die Fischer stoisch ihre Arbeit tun.

Dann steht man vor sinnlich-üppigen und andächtigen Stillleben mit mediterranem, orientalischem und ostasiatischem Anklang. Diese fremden exotischen Welten, von Seefahrern entdeckt, drangen ein in die Ateliers, in die Arrangements aus Teppichen, Gerätschaften, Früchten, Blüten, Fischen und erjagtem Wild.

Der Sammler sagt, er – der Bürger Müller – wolle endlich die Freude, das Wissen, die Erbauung an all den Bildern mit vielen anderen Menschen teilen. Dann geht er gedanklich einen Moment weg von der eigenen Sammlung und appelliert ans Land und an die Erbin der Großherzöge, Donata von Mecklenburg, sich endlich zu einigen, damit künftig kein einziges Bild aus dem alten Sammlungsbestand verkauft wird, jetzt, da seine Schenkung so ideal dazu passe.

Nun, Müller hat das Zeug zum Vermittler in diesem Streit. Erstritten hat er schon, was lange Zeit nicht möglich schien: die Sanierung der schönen, aber maroden und deshalb gesperrten Freitreppe des Museums. Zum Jahresende darf sie wieder als Zugang dienen. Und fröhlich droht der Mäzen: Die Treppe sei erst der Anfang.

Staatliches Museum Schwerin, Alter Garten 3. Bis 16. Februar 2014, Di–So 10–17/Do 13–20 Uhr. Danach ist der „Kosmos“ in Freiburg (Breisgau) zu sehen. Später wird er integriert in die ständige Schweriner Niederländer-Schau.