Kalkar war eine nette Kleinstadt am Niederrhein, friedlich und katholisch, bis dort in den 1970er-Jahren der Bau eines Kernkraftwerkes geplant wurde, des sogenannten Schnellen Brüters. Es folgten jahrelange Gerichtsverfahren, Verfassungsbeschwerden, politische Querelen, vor allem aber eine Großdemonstration nach der anderen und eine immer skeptischer werdende Bevölkerung. Schließlich setzte man das Projekt Mitte der 80er-Jahre als eine der größten Investitionsruinen Deutschlands in den Sand. Zur politischen Geografie der Kernspaltung zwischen Los Alamos und Fukushima gehört seither auch Kalkar.

Der Schriftsteller Christoph Peters stammt aus Kalkar und war zur Zeit der ersten großen Demonstration im September 1977 zehn Jahre alt. Schon mit „Stadt Land Fluss“, seinem zuckenden, überbordenden Debütroman aus dem Jahr 1999, blickte er zurück auf seine Zeit am Niederrhein und die Sprengfallen des Heranwachsens in der Provinz. 2012 kam mit „Wir in Kahlenbeck“ ein voluminöser, mächtig rumorender Roman über das katholische Internatsleben dazu. Nach zahlreichen Romanen, Essays und liebevollen Vignetten aus seiner Liebe zur japanischen Kultur und zuletzt zwei Kriminalromanen hat er diesen autobiografischen Faden mit „Dorfroman“ jetzt wieder aufgenommen und kehrt, ruhiger geworden, konzentrierter, zurück zu Mutter und Vater, zu Bauern und Kirchenleuten, Kraftwerksgegnern und -befürworten, die damals dort zusammenleben mussten und es doch plötzlich kaum mehr konnten, als der Schnelle Brüter langsam seine ungeheure soziale Zentrifugalkraft entwickelte.

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