Christoph Schlingensief 2008 in Berlin.
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Berlin18 Uhr, Feierabend, rein ins Carsharing-Auto und ab zur Freilichtbühne Weißensee. Dort finden noch bis zum 20. September wunderbare Freiluftkinoabende und Konzerte statt. Und da man als Berliner ja weiß, dass nur noch wenige Wochen für derlei Sommerabende bleiben, ist die Motivation groß, so viele Events wie möglich mitzunehmen.

Die Freilichtbühne Weißensee sei besonders empfohlen, da der Ort, gleich am See und inmitten eines grünen Parks, eine stille Oase des Hineinlauschens ist. Alles, was man braucht, ist da: Liegestühle, kleine Bar, Lichterketten, das Surren der Grillen und dann diese herrlich feuchte Luft, die nur ein Spätsommerabend am Berliner Stadtrand erschaffen kann.

Trailer zu „In das Schweigen hineinschreien“

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Eine Dokumentation der Filmemacherin Bettina Böhler

Eins ist sicher: Christoph Schlingensief hätte dieser Ort gefallen. Es war passend, die Vorpremiere zur neuen Schlingensief-Dokumentation „In das Schweigen hineinschreien“ genau hier stattfinden zu lassen. Der Film versammelt Schlingensief-Interviews und Szenen aus seinen Filmen, aber auch Kindheitsaufnahmen oder Ausschnitte aus seinen Opernproduktionen oder seine Volksbühnen-Kreationen. Die Autorin des Dokumentarfilms ist die Filmemacherin Bettina Böhler. 

Legendäre Folge von „Durch die Nacht mit“: das Treffen zwischen Christoph Schlingensief und dem Publizisten Michel Friedman.

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Die Schwermut angesichts deutscher Geschichte

Um es klar zu sagen: Diese Dokumentation ist großartig. Sie ist herzzerreißend und sensibel. Man fragt sich, warum es so lebensverbissenene Provokateure wie Schlingensief heute nicht mehr gibt. Der Künstler hatte damals schon, in den 90er- und 2000er-Jahren, ein Gespür für Themen, die uns bis heute verfolgen – vor allem Deutschlands nicht aufgearbeitetes Erbe der Hitler-Diktatur.

Die Auseinandersetzung mit der braunen DNA ist Schlingensiefs Dreh-und Angelpunkt. Sie wurzelt in der Angst, selbst Teil dieser deutschen DNA zu sein. „Meine Oma wurde als Goebbels geboren“, sagt Schlingensief. Sein Einsatz für Arbeitslose, Behinderte, für die Schwachen und Ausrangierten, für die Ostdeutschen, die „viel zu schnell“ in die Mühlen der Marktlogik hineingeworfen wurden – dafür stand Schlingensief.

Der letzte Akt von Parsifal, Bayreuther Festspiele 2012, Regie: Christoph Schlingensief

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Viele Provokationen wären heute nicht mehr möglich: wie etwa seine Performances gegen Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl („Tötet Helmut Kohl!“) oder die Idee, eine Box in der Wiener Innenstadt aufzustellen, in der Passanten Flüchtlinge ausweisen können. Schlingensief legte den Finger in die Wunde. Gerade heute wird er schmerzlich vermisst.

Freilichtbühne Weißensee
Foto: Tomasz Kurianowicz

Freilichtbühne Weißensee, Große Seestraße 9–10, 13086 Berlin. „In das Schweigen hineinschreien“ von Bettina Böhler, 124 Min., ab 20. August im Kino.