Jetzt wird er vermessen nach allen Regeln der Kunst, eingespeist in jüngste Kunstgeschichte. Der zeitlebens in kein Schubfach der Welterklärungs- und Ausdrucks-Kunst passende Filmemacher, der beseelt-verrückte Theater-Aufmischer, der Opern-Verwurster, der Politik-Akteur und eulenspiegelhafte Weltbürger aus Oberhausen, Christoph Schlingensief (1960-2010), er ist nun musealisiert. Nun, warum sollte der Kulturbetrieb mit ihm anders umgehen, als mit seinen hassgeliebten Altvorderen: Joseph Beuys und Rainer Werner Fassbinder?

Die liebevolle Musealisierung passiert in den KunstWerken Auguststraße, da, wo es – in Berlin – mit Schlingensief anfing, wo er die erste Berlin Biennale 1998 mitmachte, ein Atelier hatte, als er an Frank Castorfs Volksbühne mit Obdachlosen inszenierte.

Die nun beginnende Retrospektive war mit ihm persönlich ausgemacht, noch bevor er ahnte, dass der Krebs in der Lunge ihn bezwingen würde. Die Schau wurde dann verschoben, weil zu viel dazwischenkam, etwa Schlingensiefs Witwe, die Bühnenbildnerin Aina Laberenz, die aus seinem utopischen Operndorf im afrikanischen Burkina Faso inzwischen sehr sichtbare Realität machte: mit Schule, Wohnhäusern, Krankenstation, Kulturhaus, Bühne.

Das verlängerte Auge

Gleich drei Ausstellungsmacher waren zugange: KW-Gründer und heutiger MoMA-Mann in New York, Klaus Biesenbach, enger Weggefährte Schlingensiefs, dazu Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer. Sie fädeln auf, was Schlingensief hinterließ. Sie versuchen, in der Dramaturgie der Stationen und Phasen zu vermitteln, dieses kreative, nervige, wundersame Durcheinander von Leben und Kunst und Kunst und Leben. Dies bei einem, der die kleinen Leute liebte und die Kamera als Verlängerung seiner Augen begriff bei seiner Sicht auf die Welt. Manisch, panisch fast, denn Schlingensief hatte ständig Angst zu erblinden, weil sein geliebter Vater an Grünem Star litt.

Starke Bilder (oder sind es eher Bild-Störungen?) hat er in die Welt gesetzt, kommend aus dem Film, transportiert in Aktionen, auf die Bühne. Immer sind da: Dunkelphase, Schnitt, Mehrfachbelichtung, Überblendung. Und wüste Action, gemischt mit Slapstick. Auf diese Bilder setzt die Schau. Nur sie können besagen, was sie eigentlich war: die „Methode Schlingensief“. Nämlich das lustvolle, konfrontative, bizarre, obszöne – und eben auch naive Scheitern.

Das sieht man schon im Hof des Ausstellungsortes. Eine weiße, begehbare Holzkapelle, ein multireligiöses Angstkirchlein (auf der Biennale Venedig machte Schlingensief mit so einer Furore), in das Menschen sich flüchten. Vom spitzen Türmchen ruft melodisch eine Muezzinstimme. An die Aktion „Church of Fear“ wird erinnert, der 20. März 2003, Tag der ersten Luftangriffe der USA unter Präsident George W. Bush in Allianz mit den Briten auf Bagdad. Die „Verteidigung der Angst als Privateigentum – gegen Vereinnahmung für politische oder religiöse Zwecke (Schlingensief) – war damals , und ist nun wieder verbunden mit einem Pfahlsitzwettbewerb.

Drinnen, in der düsteren, nur von spießbürgerlichen Troddel-Lampen erhellten KW-Ausstellungshalle, sitzen auf echten meterhohen und wild (afrikanisch) bemalten Baumstämmen mit aufmontierten Sitzen, junge Leute. Sie lesen. An Stricken baumeln Wasserflaschen, Eimer, Überlebensmittel. Scheint so, diese stoischen Pfahlsitzer bewachen den „Animatograph“, jene Installation von 2005, die Schlingensiefs Aktionen, Filme, Bühnenarbeiten zeichenhaft zusammenbringt. Schon auf die Außenwand des schwarzen Kubus steht geschrieben, was ganz auf Krawall aus ist: etwa Adornos Schriften versus Wagners „Parsifal“, diesem von Schlingensief in Bayreuth idiosynkratrisch inszenierten Spektakel 2007.

Tief im melancholischen Kubus, da dreht sich ganz langsam, eine – mit Militär-Tarnnetzen verzierte – Bühnenscheibe: Da ist alles raufgepackt, was die traditionelle Trennung zwischen Kunstwerk und Betrachter aufhebt: Diese „Bühne“ ist zum einen Kriegsschauplatz Kosovo, Irak, Afghanistan, zum anderen wohlige Spießerwohnung. Mal wähnt man sich auf einer ruppigen Straße in Bottrop, dann wieder auf dem saturierten Grünen Hügel Bayreuth. Gleichsam als menschliches Auge soll(te) die Installation wirken, Spuren auf der Netzhaut hinterlassen, Dreh- und Angelpunkt sein für das, was Schlingensief mit „Die Kunst ist ausgebrochen“ meinte. Und was der kompromisslose Menschenfreund unter „anständiger“ Politik und zivilem Ungehorsam verstand. Und auch nichts von den anderen Arbeiten im Haus – weder die Aktion „Deutsches Kettensägenmassaker“ 1990, das die Wiedervereinigung „feiert“, noch das Baden seiner „Chance 2000-Partei“ im Wolfgangsee (Helmut Kohls Urlaubsort), auch nicht „Freak-Stars“, 2002, wo er mit Behinderten eine Casting-Show persifliert – ist Gesamtkunstwerk.

Nichts ist etwas Geschlossenes. Er wollte aufbrechen. Film, Bühne, dazu die ihm ständig folgende Pressemeute! – waren nutzbare Medien, alles ließ sich ersprießlich verbinden. Aber nie war klar, was ist Realität und was Fiktion.

Der Schwarze Kontinent

Raum für Raum, Etage für Etage, wird klar, das Schlingensief nicht in Gattungen dachte, sondern dass es ihm um Inhalte ging, so, wie er Genres und Medien ausprobierte, deren soziale und politische Bedeutung und Brauchbarkeit testete. All das passierte bildlich, sprachlich, theatralisch, musikalisch, rhythmisch.

Und schließlich: Burkina Faso: Schlingensiefs Vorstellung von Afrika, von kolonialer Mitschuld und Wiedergutmachung, seine Projektion auf den Schwarzen Kontinent von wilder Sinnlichkeit, zugleich Angst vor Aids, ist die einer provozierenden Satire. Warum also Afrika? Es gehe ihm, sagte er, um die Überwindung der eingeschränkten Sicht, die wir auf uns selbst und auf andere hätten. Also wollte er das seltsame Projekt Operndorf, diesen „kulturellen Überbogen“, nachdem er vorher schon in Nepal und Brasilien filmisch und auf Bühnen tätig war.

Das Verwischen von Grenzen war bei ihm auch eine Form von Repräsentationskritik. Deshalb hat er die „Partei Chance 2000“ gegründet, die „Church of Fear“. Wegen des Gegensatzes zwischen denen, die das Sagen haben und denen, die machtlos sind. Er zeigte auf, riss an, Lösungen hatte er keine. Seine Bühne war gebaut fürs öffentliche Scheitern. Dafür war ihm alles recht. Er sog auf wie ein Schwamm, was er sah, erlebte, hörte. Und dann verwandelte er es in Adrenalin. So viel, dass er es an alle anderen um ihn herum verschwendete. Genau der Treibstoff aber fehlt nun, da sein Werk so vor uns ausgebreitet ist. Das ist paradox, aber es ist der Lauf der Welt.

KW, Auguststr. 69, ab Sonntag, bis 19. Januar 2014. Mi–Mo 12–19/Do bis 21 Uhr. Die Schau wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, VW und Rudolf -Augstein-Stiftung. Das Schlingensief-Filmprogramm: www.kw-berlin.deb