Der Berliner Choreograph Christoph Winkler in seinem Studio.
Foto: Berliner Zeitung / Markus Wächter

BerlinHoch über der Stadt und mit Blick aufs Wasser betreibt Christoph Winkler seinen Tanz-„Hub“, einen Knotenpunkt der zeitgenössischen Szene Berlins. Pragmatisch gesinnt, nennt der Choreograph den großzügigen Proben- und Lagerraum im Obergeschoss eines Lichtenberger Elektrounternehmens sein Studio. Ja, hier entstehen neue Tanzstücke und es werden ältere Arbeiten vor ihrer Wiederaufnahme noch einmal geprobt, so wie derzeit „On HeLa“ über Zellforschung und Christoph Winklers Krebserkrankung. Dennoch ist die Bezeichnung Studio zu kurz gegriffen. Kontinuierlich wächst hier ein Werk, das Tanz mit den Fragen der Zeit zusammenführt.

Christoph Winkler, ausgebildeter Balletttänzer und Choreograph, ist seit zweiundzwanzig Jahren freischaffend tätig. So prominent wie Sasha Waltz oder Constanza Macras ist er bislang nicht, aber ohne ihn wäre die Berliner Tanzszene eine andere. Enorm ist sein Gespür für Themen, die die Gesellschaft bewegen oder noch umtreiben werden: Eine Trilogie über „böse Körper“ hatte er gerade erarbeitet, als 2011 die rechtsextreme Mörderbande Nationalsozialistischer Untergrund aufflog – Winkler schob mit „Rechtsradikal“ fast zeitungsaktuell zum Prozessbeginn ein Solo über die NSU-Mittäterin Beate Zschäpe nach.

Mit dem Burkinabe Ahmed Soura fragte er sich 2014 in „Hauptrolle“, warum Schwarze auf den deutschen Bühnen so selten Faust, Siegfried oder Woyzeck spielen; der Theaterbetrieb begann eben erst, über rassistische Darstellungspraktiken wie das Blackfacing nachzudenken. Trotzig bis stolz klingt es denn auch, wenn Christoph Winkler sagt: „Bei mir stehen seit fünfzehn Jahren schwarze Menschen auf der Bühne. Jetzt werde ich plötzlich gefragt: Willst du nicht mal einen Diversity-Workshop geben?“

Zurückhaltend wie er ist, reklamiert Winkler den Avantgarde-Status nicht nur als Eigenleistung: „Vieles kommt über die Leute, mit denen ich arbeite. Wenn man offen bleibt und sie fragt, mit ihnen redet und zuhört, erfährt man etwas.“ Winklers bislang fast 80 Produktionen zu so vielfältigen Themen wie Rassismus, Urheberrecht, der weiblichen Stimme oder irakischer Popmusik sind immer kooperative Kreationen. Aus aller Welt kommen die in aller Regel außergewöhnlichen Tänzerinnen und Tänzer, die mit ihm arbeiten. Weniger weltoffen wäre Berlins Tanz ohne Winkler.

Und manchen außereuropäischen Kulturort gäbe es nicht. Kürzlich verschiffte die Company einen Container mit veralteter Veranstaltungstechnik und Studiomobiliar nach Burkina Faso. Ahmed Soura, der an zehn von Winklers Stücken beteiligt war, baut dort ein Kulturzentrum auf. Gemeinsam mit dem Tänzer Robert Ssempijja renovierte Winkler im ugandischen Kampala ein Tanzstudio – „mit Schippe, so muss man sich das buchstäblich vorstellen“. Selbstermächtigung nennt er das.

Erinnert an Christoph Schlingensief und sein Operndorf? Mit dem vor zehn Jahren an Krebs verstorbenen Regisseur verbindet Christoph Winkler nicht nur der Vorname, sondern auch sein Interesse an außereuropäischen Theaterformen und von der Gesellschaft unterbelichteten Fragestellungen. Ästhetisch haben sie nicht viel gemein.

Wo Schlingensief provozierte und überbordend sinnliche Ereignisse schuf, setzt Winkler auf Minimalismus und analysiert seine Themen mit dem diskursiven Besteck. In Schlingensiefs Stück über den Lungenkrebs, „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“, spürte man den rasenden Lebenswillen, die tiefe Verzweiflung. Winkler hingegen nimmt in „On HeLa“ Abstand vom Schrecken der Sterblichkeit, den seine Erkrankung mit dem unheilbaren Non-Hodgkin-Lymphom 2018 ausgelöst haben muss. In dem 2019 entstandenen Solo rekapituliert die Tänzerin Lois Alexander sachlich die Biographien von Winkler und der Afroamerikanerin Henrietta Lacks, die 1951 an Gebärmutterhalskrebs starb. Ohne ihr Wissen hatten die Ärzte Zellen aus ihrem Uterus entnommen und im Reagenzglas herangezüchtet. Ein Akt der Enteignung und zugleich ein medizinischer Durchbruch: Ausgehend von dieser ersten menschlichen Zellkultur wurde etwa die Polioimpfung entwickelt.

Unbelangt von seiner eigenen Endlichkeit arbeitet Christoph Winkler weiter wie bisher. Von zeitweiser Schwäche lässt er sich nicht unterkriegen. Er hat ein Anliegen: sein Studio für den Tanz zu sichern. Eine Mieterhöhung droht, zu den dreifachen Kosten kann er den Raum in Rummelsburg nicht halten. Laut zu trommeln ist nicht sein Ding, aber er sieht eine stärkere Institutionalisierung der Tanzszene als kulturpolitischen Auftrag. In Berlin gibt es zwar fünf staatlich finanzierte Sprechtheater und drei Opern, aber kein Haus für den Tanz. Die meisten Akteure hangeln sich von Projekt zu Projekt. Im Sinne der Nachhaltigkeit müsste nur etwas mehr investiert werden, um Produktionsorte und mit ihnen auch das Werk der Künstlerinnen zu sichern. Trocken formuliert es Christoph Winkler: „Wenn ich nicht mehr bin, kann der nächste rein.“ Möge es bis dahin noch lange dauern.

Christoph Winklers „On HeLa“ mit Lois Alexander läuft von 18. bis 20. September 2020 am Ballhaus Ost, Pappelallee 15, 10437 Berlin.