Lemmy Kilmister ist natürlich wieder mitgekommen. Der Bassist und Sänger der Heavy-Metal-Band Motörhead lehnt an der Wand, gleich neben der Tür. Christoph Schwennicke ist noch nicht dazu gekommen, ihn an die Wand zu hängen, aber von seinem Schreibtisch aus hat er ihn auch so im Blick. „To Christoph – Thanks“ hat Kilmister auf die Zeitungsseite mit dem Artikel gekrakelt, den Schwennicke vor bald sieben Jahren für die Süddeutsche Zeitung geschrieben hat. Ein Kollege von damals, Alexander Gorkow, hat ihm das Autogramm bei einem Interview besorgt und rahmen lassen, seitdem kommt Lemmy immer mit. Zuletzt war er beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel, wo Schwennicke stellvertretender Leiter des Hauptstadtbüros und politischer Autor war. Jetzt ist er zu Cicero umgezogen.

Cicero, das ist jenes politische Monatsmagazin, das noch immer zu wenige Menschen kennen, findet Schwennicke und erzählt von seinem Skiausflug mit vier Schulfreunden, allesamt Akademiker und damit Zielgruppe der Zeitschrift. Den gesamten, fast sieben Kilometer langen Pfändertunnel habe er gebraucht, um zu erklären, was das für ein Blatt ist, dessen Chefredakteur er wird. „Dass gebildete Menschen nicht wissen, was Cicero ist, das geht gar nicht“, sagt der 46-Jährige.

Angefangen bei Cicero hat er schon vor dem offiziellen Antrittstermin im Mai. Das aktuelle Heft trägt bereits seine Handschrift. Er selbst hat die Titelgeschichte geschrieben, in der er erklärt, warum uns Angela Merkel noch lange erhalten bleibt. Auch das Interview mit Sigmar Gabriel und Jürgen Trittin hat er geführt – gemeinsam mit Alexander Marguier, der durchaus Chancen hatte, Michael Naumanns Nachfolger zu werden. Stattdessen ist er nun Schwennickes Stellvertreter und bildet mit ihm auch in der Heftkomposition eine Klammer. Vorn, statt eines Editorials, schreibt Schwennicke als Ciceros Brieffreund „Atticus“ fiktive Mails – hinten schließt Marguier das Heft mit einem süffisanten „Postscriptum“.

In seinen Anfängen richtete sich Cicero an neokonservative Salon-Eliten. Unter Naumann klang es nach dem SPD-Sound der Neunzigerjahre. Das Blatt, sagt Schwennicke, „roch nach Whisky und Zigarren“. Der Leser hatte sich dafür zu interessieren, was die Autoren zur Lage der Nation mitzuteilen hatten. Schwennicke dagegen will, dass das Debattenmagazin nicht „wie im Geburtsvorbereitungskurs“ mit allen anderen Medien synchron hechelt. Die Tageszeitungen und selbst die Wochenblätter folgten dem Takt, den Online vorgebe, sagt Schwennicke. „Alle hyperventilieren. Davon müssen wir uns freimachen.“

Schwennicke will ein lebendiges Blatt machen

Aktuelle Debatten müssen, um in Cicero künftig Platz zu finden, aus einem bisher unbeachteten Blickwinkel behandelt, Porträtierte an unerwarteten Orten besucht werden. Die Autoren sollen rausgehen, Reportagen schreiben und für Interviews ungewöhnliche Paarungen finden. Wie schrieb Schwennicke 2005 in jenem Artikel über Kilmister? „Was für mich aus Berliner Politiksicht journalistisch reizvoll wäre: ein Streitgespräch zwischen Joschka Fischer und Lemmy Kilmister. Fischer, der selbsternannte letzte Rock’n Roller der deutschen Politik, und Kilmister, der Gottvater des Rock’n’Roll.“

Schwennicke will aus Cicero ein ambitioniertes, lebendiges Blatt machen, das zitiert wird; ein politisches Magazin, das eine Nische besetzt, die die Wochenzeitung Die Zeit mit ihrem Wohlfühl-Journalismus (aktueller Titel: „Das Glück im Garten“) freigemacht hat; und das neben der gerade engagierten Kolumnistin Amelie Fried mehr Frauen in den Autorenkreis aufnimmt und damit auch Jüngere und Leserinnen anspricht. Um das alles zu erreichen, sei er bereit, „den Schellen-Ursli zu machen“.

Schweizer kennen die Kindergeschichte. Sie handelt von einem Jungen aus dem Unterengadin, der keine Lust hatte, mit dem kleinsten Glöckchen am Ende des Dorfumzugs zu laufen. Da erinnerte er sich an die große Kuhglocke, die in der Alphütte hängt. Also machte sich der Schellen-Ursli auf durch Nacht und Schnee, holte sich die Glocke – und durfte tags drauf den Umzug anführen. Die Verantwortlichen des Schweizer Verlags Ringier, in dem Cicero erscheint, dürften die Geschichte kennen und auch wissen, welche Gegenleistung Schwennicke erwartet: ein höheres Budget. Erst recht dann, wenn sein „Erstleser“, wie Schwennicke seinen Verleger nennt, erst einmal gemerkt hat, wie viel Spaß die Lektüre von Cicero machen kann.

Das wird schwer. Michael Ringier steht in der Schweiz unter Spardruck, weshalb ihm bisweilen sein defizitäres Deutschlandgeschäft vorgehalten werden dürfte. Doch der feinsinnige Kunstliebhaber, der in Zürich wegen der Zeitung Blick als Boulevardverleger gilt, hängt an Cicero und dem Kunstmagazin Monopol. Ziel ist, beide in die schwarzen Zahlen zu bekommen. Laut aktuellster Zahlen des Bundesanzeigers erwirtschaftete Cicero 2010 ein Minus von 143.000 Euro.

Zunächst also wird Schwennicke mit Leistung, Kreativität und Ideen überzeugen müssen. Kommt die erhoffte Entlohnung jedoch, wird er einen weiteren Star seiner Jugend zitieren können. Ian Gillan, der Sänger von Deep Purple, soll nach einem verpatzten Riff von Ritchie Blackmore gesagt haben: „Next week we’re turning professional.“