Bildausschnitt aus dem Cover I'm Cindy.
World of paint

BerlinEs gehörte zum guten Ton zahlreicher Indie-Produktionen in den Nullerjahren, die Aufnahmen so klingen zu lassen, als seien sie vielfach von Kassette zu Kassette überspielt worden. Die erste Generation, die ganz ohne das Entwirren von Bandsalat und starrem Hocken mit dem Mikrofon vorm Radiogerät hätte auskommen können, schien sich geradezu nach jener haptischen Mühsal beim jugendlichen Musikkonsum zu sehnen. So entstand unter Begriffen wie Hypnagogic Pop oder auch Chillwave ein wackeliger Melancholie-Sound, der laut des Urteils vieler Beobachter von Geistern einer Vergangenheit durchweht war, die nie stattgefunden hat und der es, aus dem Zusammenhang gerissen, sogar in manch heutige Hi-End-Mainstream-Produktion geschafft hat.

Doch finden sich auch heute noch puristische Exponenten dieses Ansatzes. Der Niederländer Kai Hugo, einst in Berlin ansässig und nun in Los Angeles als Videospielkomponist tätig, nannte sich vor einigen Jahren Palmbomen und dann Palmbomen II und produzierte die Art von post-ironischem Lo-Fi-House, wie man sie auch vom britischen Berliner Steven Warwick alias Heatsick kennt. Auf dem Palmbomen-Debüt benannte Hugo jedes einzelne Stück nach Charakteren aus der Fernsehserie Akte X. Einer davon, Cindy Savalas, verselbständigte sich, so dass Hugo dieser Cindy mit dem Album „Memories of Cindy“ eine ganze fiktionales Biographie erdachte. Nun ist von Cindy das Album „I’m Cindy“ erschienen, ein verlorener Klassiker, den die erfundene Dame einst aufnahm.

Und selbstverständlich klingt es ein wenig wie ein bereits sehr oft abgespieltes VHS-Tape! Doch bevor man es als aus dem Trend gefallenes Überbleibsel abtut, lohnt es sich, genauer hinzuhören. Hinter dem einst so modischen Abnudelungsklang verbirgt sich eine oft recht clevere Vermengung von Post-Punk-Minimalgetrommel, Depeche-Mode-Figuren, frühen Acid-House-Fetzen und, wie im Fall des Stücks „Boyfriend“, eine Art Treffen des B-Horror-Meisters John Carpenter bzw. den von ihm selbst komponierten Soundtracks sowie der britischen Sample-Popgruppe Saint Etienne.

Sängerin Blue LoLãn erfüllt Cindy mit genau der richtigen, hall-saturierten Geistesamputiertheit: „You’re my boyfriend“ singt sie wieder und wieder, als gelte es, das Unmögliche durch Stoizismus zu beschwören - oder, in „I love you“: „I love you, you’re my best friend“.

So macht die unweigerlich die Filme David Lynchs evozierende, wabernde Hallwelt dieses genüsslich deprimierenden Albums das Resignierte, das Auf-irgendetwas-anderes-als-Leere-hoffen zum Inhalt und zur eigenen Kunstform. Cindy kuckt einen vom Cover mit Tränen im Gesicht an. Sie ist tot, war nie lebendig, sie hat auch keine Antwort.

Cindy - I’m Cindy (World of Paint)