Ein Bild vom Februar 2020 aus München: Die Artisten des Cirque du Soleil stehen nach ihrer Show „Totem“ auf der Bühne. 
Foto: dpa/Ursula Düren

BerlinVor ein paar Wochen fragte man sich, warum der Gründer des Cirque du Soleil, Guy Laliberté, mitten in der tiefsten Krise sein Unternehmen zurückkaufen wollte. Heute ist vom Retten keine Rede mehr. Vielleicht hatte er die Ausmaße einfach unterschätzt. Am Montag gab das legendäre kanadische Zirkusunternehmen bekannt, dass es knapp 3500 seiner 5000 Mitarbeiter entlassen und Insolvenzschutz beantragen muss. Dutzende Shows sind bereits geschlossen.

Das Virus vernichtet weiter Leben und Existenzen. Zirkusmitarbeiter hatten seit Ausbruch der Pandemie wie alle Großveranstalter quasi ein weltweites Berufsverbot. Das hält kein noch so solventes Unternehmen lange durch. Jetzt stehen nicht nur hochtrainierte Ausnahme-Akrobaten ohne Arbeits- und Trainingsplatz da, es brechen auch gewaltige Strukturen zusammen. Der Cirque du Soleil war für Akrobaten weltweit so etwas wie ein Ritterschlag, weil er akrobatische Höchstleistungen gewöhnlich so veredeln konnte, dass sie als rauschhafte Kunstwerke wahrgenommen wurden.

Nun kämpft er um sein Überleben. Seine durch die Pandemie aufgelaufenen Schulden will er mit Hilfe der kanadischen Regierung und von Beteiligungsgesellschaften umschichten. Sie stellen 300 Millionen Dollar bereit und übernehmen im Gegenzug Vermögenswerte des Zirkus. Die Vereinbarung beinhaltet die vorsichtig formulierte Absicht, die Mehrheit der Mitarbeiter wieder einzustellen, sobald sich eine wirtschaftliche Erholung zeigt.

Der Zirkus gehört schon lange nicht mehr dem Gründer Guy Laliberté. In der Krise 2008 verkaufte er erstmals Anteile an internationale Finanzinvestoren für angeblich 1,5 Milliarden Euro. Im Februar dieses Jahres veräußerte Laliberté den Rest, bevor er sich mit Rückkaufgedanken meldete.

Neben den Zelten betreibt der Cirque du Soleil sechs feste Häuser in Las Vegas, die derzeit alle dunkel bleiben. „Nysa“ sollte der Titel der ersten festen Show in Deutschland sein. Die Premiere im Theater am Potsdamer Platz, das seit 2016 leer steht, war für Oktober 2020 geplant und wurde auf 2021 verschoben. Aber beim Produzenten Marek Lieberberg von Life Nation, dem in diesem Jahr auch alle Konzerte ausfallen, heißt es nicht, dass nun alles in den Sternen steht. Er ist Pächter eines leeren Hauses und zu Optimismus verpflichtet. Bereits gekaufte Karten für die Show bleiben gültig.

Doch ob die dramatischen Pandemie-Verwerfungen am Ende den Mut für neue Investitionen zulassen, wenn so viel Bestand zu retten ist? Ob Berlin neben dem Friedrichstadt-Palast wirklich das Zuschauerpotenzial hat für einen zweiten Show-Palast mit Artistik, das ist nicht ausgemacht.