City unterm Sternenstaub: Nur echt mit der 17-Minuten-Nummer

Nach 50 Jahren geht die Band in die letzte Runde: Das erste Konzert der Abschiedstour spielte sie mit den Berliner Symphonikern in der ausverkauften Wuhlheide.

City live bei der „50 Jahre City - Die letzte Runde“-Tour mit den Berliner Symphonikern: Fritz Puppel, Toni Krahl und Georgi Gogow (v. l.)
City live bei der „50 Jahre City - Die letzte Runde“-Tour mit den Berliner Symphonikern: Fritz Puppel, Toni Krahl und Georgi Gogow (v. l.)Imago/Thomas Bartilla

Die alte Band hört nach 50 Jahren auf, will nicht länger auf der Bühne stehen und die alte Ost-Hörerin stellt fest, dass ihr das nicht passt. Dass es ihr zusetzt, wenn wieder etwas zu Ende geht, und sei es noch so planvoll. Natürlich ist es verdammt vernünftig, rechtzeitig und im Saft stehend Abschied zu nehmen, bevor die Musiker schwächelnd von der Bühne fallen oder sich starrsinnig zerstreiten. Aber City gehört zum Bestand wie Silly, Pankow, Karat, die Puhdys, die Dinosaurier aus dem Osten. Man konnte sie lieben oder verachten, aber sie hatten doch den Sound eines halben Landes geprägt. Den wird es nun bald nicht mehr geben, jedenfalls nicht live.

City fährt zum Schluss noch mal ganz groß auf – am Sonnabend in der Parkbühne Wuhlheide, 17.000 Plätze, ausverkauft, dazu Silly-Gitarrist Uwe Hassbecker als Gast und ein ganzes Orchester mit klassischen Instrumenten. Es sind nicht die Berliner Philharmoniker, wie öfter zu lesen war, sondern – andere Liga – die Berliner Symphoniker, die den Abend raffiniert mit ein paar Klängen aus Beethovens Neunter eröffnen. Ihnen gebühren schon deshalb höchste Sympathien, weil sie als kleinstes und effizientestes der acht Berliner Orchester abgewickelt wurden, als ihm das Land bei seinen Sparorgien 2004 alle Subventionen strich. Zum Trotz überlebten sie und gaben dem Konzert von City am Sonnabend seinen rauschhaften Klang. Oder, wie City glaubt, den Sound von Sternenstaub. Gut, vielleicht verschwinden die Instrumente der Jubilare gelegentlich kurz hinter wohliger Streicherdominanz, aber die ist schließlich gewollt, die Kraft der Klassik.

Die Stimmung ist von Beginn an flirrend, das Publikum springt schon vor dem ersten Ton kurz von den Stühlen, nutzt dann zwei Stunden lang die Gelegenheit des Mitklatschens, Mitschwingens, Mitsingens. Und sei es nur „na-na-na“. Die Musiker auf der Bühne – Toni Krahl, Fritz Puppel, Georgi Gogow und Manfred Hennig – sind zwischen 70 und 77, die Zuschauer nicht jünger. Die meisten könnten schon 1972 beim Gründungskonzert der Band im Artur-Becker-Klubhaus in Hirschgarten dabei gewesen sein, als die langhaarigen Musiker erstmals Jethro Tull, Deep Purple und Santana nachspielten, zum Tanz, 3,10 Mark Eintritt. In dem Klub feierte City seinen 35. Geburtstag, damals schon waren sie Großväter, bedachte Teetrinker, alle mit Bioglatze, seltsam abgeklärt. Was soll man sagen – heute machen alle einen weit jüngeren und energetischeren Eindruck. Dabei fehlt ihr charismatischer Trommler, Klaus Selmke starb vor zwei Jahren mitten in der Pandemie an Krebs.

Zum Schluss nun wollen sie es noch mal wissen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Toni Krahl singt in Bestform mit wirklich starker Stimme und schön geradeaus, selten nur kippt er ab in sein manieriertes Kieksen. Gogow stolziert mit hoch gerecktem Kinn herum, schwenkt herrisch den Bogen, um seinem Titel als erster Geiger des Teufels gerecht zu werden. Sinfonisch aufgemöbelt klingen die großen Balladen „Halb und Halb“, „Berlin“, „Casablanca“ gemacht für die Ewigkeit. Und hören wir da zwischendurch immer mal Humor in den Ansagen? Toni Krahl: „In unserem Lied heißt es: Wir haben Despoten gestürzt. Richtig müsste es doch heutzutage heißen: Wir haben Despot:Innen gestürzt.“ Das Publikum johlt auf, erst recht, als der Despotin noch ein Name hinterherfliegt, Margot Honecker.

Zehn Millionen Mal verkauft: „Am Fenster“

Doch am Ende wartet das Publikum nur auf eins, auf den Überflieger mit der sehnsuchtstrunkenen Geige „Am Fenster“. Den Titel, den die DDR-Plattenfirma Amiga abgelehnt hatte: zu lang, kein Refrain, zu viel Geige. Der Song überwand jede Ignoranz und Grenze, verkaufte sich allein im Westen zehn Millionen Mal. Wie das Lied dort ankam, erzählte Toni Krahl jüngst im Fernsehen. Die Musiker hatten bei einem Gastspiel in Hamburg zusammengelegt, damit ihr Schlagzeuger ausprobiert, wie eigentlich so ein Bordell auf der Reeperbahn funktioniert. Der Mann kehrte zurück mit wissendem Grinsen. Denn als es losgehen sollte, war er zurückgezuckt, weil die Prostituierte „Am Fenster“ aufgelegt hatte. Die Frau geriet recht aus dem Häuschen, als sie den Kunden auf der Platte erkannte und rief die Kolleginnen herbei, um ihren Fang zu präsentieren. Sie alle besaßen diese Platte: Mit 17 Minuten hatte sie die ideale Länge für ihre Arbeit!

In der Wuhlheide fiel der Titel etwas kürzer aus, beseelte aber genauso. Am 29. und 30. Dezember treten City in der Benz-Arena auf, dann ist Schluss. Nie, sagen sie, würden sie jahrelang auf Abschiedstour gehen wie die Scorpions. Auch ihnen wird die Bühne fehlen.