„Manchmal schäme ich mich, mich dermaßen mit meiner Arbeit zu identifizieren“: Claes Bang in Berlin.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinClaes Bang trägt einen hellen Pullover mit V-Ausschnitt, eine kurze Jacke und eine schräg sitzende Schirmmütze. Seine Stimme ist tief und voll, sein Körper auf dem viel zu kleinen Sofa in einem hippen Café in Mitte ständig in Bewegung. Der dänische Schauspieler ist anlässlich eines Gastspiels in der Stadt, dem Monolog „The Evil“ am Deutschen Theater, noch vor der Corona-Krise und den Schließungen.

Seit Claes Bang 2017 im preisgekrönten Film „The Square“ des schwedischen Regisseurs Ruben Östlund mitwirkte, ist seine internationale Karriere explodiert. Seine Rolle als entfremdeter Kurator sicherte ihm damals den European Film Award als bester Hauptdarsteller, quasi der Oscar der europäischen Filmbranche. Seitdem spielte er unter anderem in den Filmen „The Girl in the Spider’s Web“, „The Burnt Orange“ und der Netflix-Serie „The Affair“ mit.

Auf der Streaming-Plattform ist er auch momentan zu sehen, als Dracula in der gleichnamigen Serie. Einige Szenen aus „Dracula“ lassen sich durchaus als Metapher für Claes Bangs Karriere lesen: Ein Mythos besagt, dass ein Vampir erst die Genehmigung des Hausbewohners braucht, bevor er über die Türschwelle eintreten kann. Das beschert Graf Dracula natürlich einige frustrierende Situationen. Wie etwa als er, sehr hungrig, von den Ordensschwestern, in die er am liebsten gleich hineinbeißen möchte, aufgefordert wird, vor dem verschlossenen Tor des Klosters zu warten, bis jemand ihn einlässt. Da fährt Dracula vor lauter Begierde fast aus seiner jahrhundertealten Haut. Genauso beschreibt Claes Bang auch längere Zeitspannen seiner Karriere: „Es war, als stünde ich vor der Tür einer großen Party, ohne je eingelassen zu werden.“ Dieses Gefühl hat den Schauspieler im Laufe seines Arbeitslebens immer wieder verfolgt, tut es immer noch.

Als Dracula in der gleichnamigen Netflix-Serie.
Foto: Netflix

Als Bang die Chance bekam, den transsilvanischen Grafen zu spielen, war es ihm wichtig, dass sein Dracula nicht zur Karikatur wird. Vor allem solle es „verdammt unbehaglich werden, sobald der Vampir den Raum betritt“, sagt er. Den Kritikern hat es jedenfalls gefallen. Mit seinen 50 Jahren steht Claes Bang nicht mehr vor der Tür der großen Party, er feiert jetzt mit.

Dabei kann man nicht sagen, dass es ihm in seiner Karriere an Arbeit gemangelt hätte. Als er im Jahr 1996 seine Ausbildung an der staatlichen Schauspielschule in Kopenhagen abschloss, bekam er gleich sowohl Theaterrollen auf den großen und kleinen Bühnen Dänemarks als auch TV- und Filmrollen. Oft spielte er verführerische und selbstbewusste Typen mit etwas gefährlichem Charme, zum Beispiel als Gigolo in der Nordic-Noir-Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ oder als Spindoktor in „Borgen“.

Das Image des Frauenhelden wird Claes Bang oft zugeschrieben, und irgendwie passt es auch zu seinem Gesicht, das an Humphrey Bogart erinnert, und seiner sinnlichen Ausstrahlung. Doch wie sein Dracula und „The Evil“ unter Beweis stellen, ist der Däne auch bestens mit den düsteren Seiten der Psyche vertraut. Dabei ist sein Spiel detailreich und geschmeidig, nicht nur, wenn er als bluthungriger Dracula die Oberlippe beben lässt.

Als Kurator Christian Nielsen erklärt er in „The Square“ konzeptionelle Kunst. 
Foto: Verleih

Im Jahr 2010 begann er, auch in deutschsprachigen Film- und Fernsehproduktionen – wie den ZDF-Serien „Küstenwache“ und „Sibel & Max“ – mitzuwirken. Doch auch, wenn er von da an immer öfter internationale Filmrollen bekam, ist es das Theater, das Bang immer wieder die Liebe zu seinem Beruf spüren lässt. Es ist, sagt er, als erlaube ihm diese direkte Art von Schauspiel, zurück zu seinen Wurzeln zu kommen: „Wenn ich lange kein Theater gespielt habe, fehlt mir die künstlerische Nahrung, die ich brauche.“

Beim Gespräch wirkt Claes Bang fleißig, und sehr motiviert. Er scheint einen unersättlichen Hunger auf interessante Rollen zu haben und sich stets bewusst zu sein, dass seine Erfolgswelle schnell wieder vorbei sein könnte. Er nimmt die zwei Orangensäfte entgegen, die der Kellner bringt, obwohl er eigentlich nur einen bestellt hatte, trinkt dann den ersten in wenigen Schlucken.

Schon als Teenager spielte Claes Bang in seiner Heimatstadt Odense im Schul-Musical „Hair“ mit. Er stellte sich die Schauspielerei allerdings damals nicht als Job vor. Also studierte er erst mal an der Handelsschule, bis jemand ihm mitteilte, dass an der Schauspielschule eine Altersgrenze von 25 Jahren galt. Prompt bewarb er sich und wurde beim zweiten Versuch zu seiner großen Überraschung aufgenommen, fünf Tage vor seinem 25. Geburtstag.

„Als Schauspieler verstehe ich mich weniger als Interpret und mehr als Instrument. Ich möchte das beste Klavier sein,   das ich aus mir machen kann, damit verdammt talentierte Regisseure auf mir spielen können, wie sie wollen“, sagt er. Claes Bang flucht oft. Vielleicht will er damit sein Engagement unterstreichen, vielleicht schützt er sich aber auch.

Depressive Phasen kannte er nämlich zur Genüge, vor allem, wenn er sich zwischen Projekten befand. In den schwierigsten Zeiten zweifelte er sogar daran, dass er überhaupt Talent hat. Er fürchtete dann den Stillstand. „Ich habe eine wunderschöne Frau, Familie und Freunde. Wenn es mal beruflich schlecht läuft, schaffe ich es aber nicht, das alles zu schätzen. Manchmal schäme ich mich dafür, mich dermaßen mit meiner Arbeit zu identifizieren.“

In „The Girl in the Spider’s Web“ spielt Bang den  Salander-Stalker Jan Holtser.
Foto: Sony

Schwierig war es für Bang schon einmal zu Beginn seiner Karriere, als seine erste Film-Hauptrolle im dänischen Jugend-Thriller „Unter der Oberfläche“ von den Kritikern zerrissen wurde. Monatelang hörte er kein Wort von den dänischen Theatern. Gleichzeitig boomte die dänische Dogma-Welle, die Kollegen wie Nikolaj Lie Kaas und Mads Mikkelsen Rollen in internationalen Filmen einbrachte. Damals dachte Bang, er müsse sich drauf einstellen, dass der große Erfolg für ihn ausbleiben würde.

Aber gerade möchte er darüber eigentlich gar nicht so viel reden, denn im Moment geht es ihm gut. Sehr gut sogar. „In ,The Square’ mitzuwirken, war wie ein großes Schaufenster für mich. Es war, als stünde meine Ware auf einem Fach im Supermarkt, wo sie endlich jeder sehen kann. Gerade läuft alles sehr gut“, sagt er und klopft auf den Holztisch. Er genießt die Anerkennung, den Erfolg, der sich in seinem Leben eben doch eingestellt hat.

Bescheiden bleibt er trotzdem. Bevor er losgeht, um sich auf den abendlichen Monolog im Deutschen Theater vorzubereiten, sagt er: „In letzter Zeit hab ich einfach verdammt viel Schwein gehabt.“