Die Sängerin konzentriert sich ganz auf ihre Performance.
Foto: POP-EYE/Mercedes Ortego Gonz

Berlin-KreuzbergIm Kinderzimmer hatte sie sich im Jahr 2017 ihren Song gebastelt, auf YouTube dazu ein selbst gedrehtes Video hochgeladen. Für die damalige 19-jährige Claire Cottrill aus Massachusetts, USA, die wohl erfolgreichste Idee ihres Lebens: Binnen weniger Tage hatte „Pretty Girl" Tausende Klicks – heute zählt das Video etwa 44,3 Mio. Aufrufe. 

In der Internet-Pop-Sphäre wird Clairo, wie sie sich als Künstlerin nennt, als Lo-fi- und Bedroom-Pop-Phänomen betitelt. Das Debütalbum „Immunity" folgte in diesem Sommer, die dazugehörige Tour jetzt. Doch schafft die junge Sängerin den Sprung auch außerhalb des Internets?

Irgendwo zwischen Indie und Blues

Ein Abend in Berlin zeigt: ja. Rund 500 Fans sind am vergangenen Dienstag in den Kreuzberger Club Lido gekommen, um Clairos Liedern zu lauschen. Sie tragen Shirts mit ihrem Logo, halten ihre Handys für einen Schnappschuss bereit. Ganz nach dem Motto: Was im Internet begann, muss auch im Internet fortgesetzt werden. 

Das erste erfolgreiche Video der Popsängerin Clairo: „Pretty Girl".

Video: YouTube/Clairo

Clairo hingegen konzentriert sich ganz auf ihre Performance und ihre fast gleichaltrigen Fans. Die leicht zotteligen Haare hängen ihr ins Gesicht, ihre Hände umklammern fest das Mikrofon. Sie singt mit glasklarer Sopranstimme: „I just want to let you know, I'm seeing sides that you don't show" (zu deutsch: Ich wollte dich nur wissen lassen: Ich sehe an dir Seiten, die du nicht zeigst). Eine rhythmische Popnummer, die irgendwo zwischen Indie und Blues schwebt. Im Hintergrund werden dazu auf einer Leinwand bunte Lichter projektiert.

Fehlt nur noch ein Kuss

Mit ihrer dreiköpfigen Band, die gerade so über die Instrumente gucken kann, wirkt es für eine Minute nach einem Auftritt einer Schulband. Was der rote Saal mit der großen Discokugel im Club Lido unterstreicht – vor allem aber die schunkelnden, in sich wiegenden Zuschauer.

Fehlt nur noch ein Kuss, ein einmaliges Foto für Instagram. Immerhin läuft eine der Liebesballaden des Abends! #Clairo. Doch die Zuschauer singen lieber. Wort für Wort. Strophe für Strophe. Leider so laut, dass neben den ohnehin schon zu lauten Instrumenten Clairos Stimme fast untergeht. Dabei steckt so viel in ihrer Musik …

Mal klingt Clairos Musik nach Aaliyah, dann wieder nach Emma Bunton und Gus Dapperton

Fast unbemerkt schafft sich die 21-jährige Sängerin durch die Popwelt: Sie zelebriert 90er R'n'B wie einst Aaliyah, ehe man sie aber daran festmachen mag, galoppiert sie Richtung Dream- und Synthie-Pop wie zuletzt Gus Dapperton und schiebt sich anschließend spielend an der Gitarre in rockige Popnummern, die an Emma Bunton um die 2000er erinnern. Und das nicht im Netz, sondern live an diesem Abend.

Der Song von Cuco und Clairo erschien im August 2018.

Video: YouTube/ Cuco

Wer Clairo kennt, hat sicher nichts anders erwartet. Ihr Debüt glänzt von einer musikalischen, in sich stimmigen Vielfalt. Im Lido legt sie noch das Feature mit US-Künstler Cuco oben drauf: Bubblegum-Pop streift diesmal R'n'B . Ihre Stimme den Einspieler von Cuco. „Drown" rockt. Wenn auch die Zuschauer mit dem Rappart Schwierigkeiten haben – ein Foto wird gemacht. Clairo tanzt. Im Hintergrund läuft ein Clip, der Palmen und Meer zeigt. 

In einem Interview mit dem TV-Sender MTV sagte die Sängerin: Musikgenres würden sich auflösen, die Geschmäcker sich überlappen, jede Musik sei mit einem Klick im Internet zu finden. Eine Erklärung für ihre Vorliebe füt das liebevolle Mischen von Genres? Mehr braucht es zumindest an diesem Abend nicht.

Die Erfolgsstory wird im Netz fortgeführt

Für ihre 500 Fans im Lido genügt ihre Clairo ohnehin – die nun wahrhaftig auf der Bühne steht. Die bekreischt werden kann und besungen. Die auch dann „Sing with me"ruft, wenn das Publikum längst kein Halt mehr kennt.

Und erst recht nicht, als sie nach dem etwa einstündigen Konzert die Bühne verlässt und selbst ein Foto auf Instagram hochlädt: „Die Tour ist fast vorbei", heißt es. Mehr als 100.000 Likes folgen. Die Erfolgsstory wird wieder im Netz fortgeführt. Bis die nächsten Tourstopps anstehen. Mit ganz viel Pop und jede Menge Kreisch.