Genau vor einem Jahr beteiligten wir uns mit der Brotfabrik an einer weltweit vom Literaturfestival Berlin (ilb) koordinierten Vorführung von Claude Lanzmanns „Shoah“. Anlass war der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am 27. Januar. Die Vorführung des 540 Minuten langen Opus begann mittags um 13 Uhr und dauerte mit kurzen Pausen bis Mitternacht, dies an einem Montag. Uns war etwas bang ... würde überhaupt jemand kommen? Doch die Befürchtungen waren unbegründet, fast 30 Zuschauer wohnten der Aufführung bei; unser kleiner Kinosaal war also halb voll. 

Auch in diesem Jahr wollten wir mit einer „Shoah“-Vorführung an die 80 Jahre zurückliegenden deutschen Verbrechen erinnern. Es kam anders. Die gute Nachricht: Das filmische Meisterwerk ist ab sofort erstmals vollständig online zu sehen, in zwei Teilen, mit deutschen Untertiteln. Obwohl alle vier Kapitel auch unabhängig voneinander funktionieren, empfiehlt es sich, mit dem ersten Teil zu beginnen. Dadurch vermittelt sich Lanzmanns beeindruckende ästhetische Gestaltungsgabe am besten. „Shoah“ stellt keineswegs eine Dokumentation dar. Dieser Film vereint höchsten künstlerischen Anspruch mit unvergleichlich wertvollem Sachmaterial, vor allem in Form der Gespräche mit den Überlebenden, aber auch mit einigen Tätern. Er leistet eine Trauerarbeit, die nur genau zum Zeitpunkt der Dreharbeiten (1974–1985) unter Benutzung der von ihm genutzten Mittel (u. a. mobile 16-mm-Technik, On-Interviews, kein Kommentar, keine Musik) diese Qualität erreichen konnte. Der Wert dieser Arbeit wächst Jahr um Jahr.

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