Nun ist er gestorben, der größte Dirigent unserer Zeit. Über ein Jahrzehnt hat Claudio Abbado dem im Jahr 2000 diagnostizierten Krebs abgewinnen können, der ihn schon damals an den Rand des Todes brachte. Über ein Jahrzehnt musikalischer, organisatorischer und im höchsten Sinne künstlerischer Arbeit. Damals, in seinen letzten Jahren als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, trat er den Beweis an, dass Musik Leben schafft und Leben ist, wenn er abgemagert und grau aufs Podium ging und es nach einer Mahler-Symphonie oder Schumanns Faust-Szenen scheinbar gesund wieder verließ. Diese Auftritte schienen ein Wunder, und sie verwunderten die Hörer, die solche Musik noch nie gehört zu haben glaubten. Man verlangte in Berlin immer wieder nach ihm. Doch nun ruft ihn kein Publikum und kein Klang mehr zurück: Claudio Abbado ist am Montag in Bologna im Alter von 80 Jahren gestorben.

Die Verfeinerung des Menschen

Abbados Größe beruht auf einem Musikverständnis, dessen historisches Bewusstsein und soziales Verantwortungsgefühl in der von Eitelkeiten strotzenden Geschichte der großen Dirigenten einzigartig sind. Soziales Verantwortungsgefühl ist heute über Education-Programme institutionalisiert und dient am Ende doch nur der Sicherung des zukünftigen Publikums. Das war nie Abbados Perspektive, als er in den Siebzigerjahren als Chef der Mailänder Scala mit seinen kommunistischen Freunden Luigi Nono und Maurizio Pollini in italienischen Fabriken Arbeiterkonzerte veranstaltete. Hier ging es um Bildung im höchsten Sinne, um die geistige und seelische Verfeinerung des Menschen abseits jener „Employability“, die heute den Bildungsbegriff auf seine niedrigste und musikfernste Bedeutung bringt. Historisches Bewusstsein dagegen meint nicht nur Kenntnis der Musikgeschichte über Bach und Strauss hinaus – und Abbado dirigierte Musik von Monteverdi bis Matthias Pintscher –, sondern auch die Frage, wie denn überhaupt musiziert werden soll, wie sich denn Autorität in Musik ausdrücken kann, wenn man eine Diktatur erlebt hat.

Claudio Abbado wurde im Jahr 1933 in Mailand geboren und ist im faschistischen Italien aufgewachsen. Seiner Familie, deren Mitglieder sämtlich Musiker waren, hat er sogar einmal die Geheimpolizei ins Haus gebracht, weil er „Viva Bartok!“ auf eine Mauer geschrieben hatte. Das und auch der in den Proben wütende Arturo Toscanini waren Erfahrungen, die ihn dauerhaft gegen eine bestimmte Form von Autorität imprägniert haben. Der bereits in dem Kind aufkeimende Wunsch, Dirigent zu werden, hätte einen Widerspruch zu diesem Hass auf herrschaftliches Gebaren bilden können, er wurde indes gemildert durch die Maxime des Vaters, eines Geigers: „Wenn man zusammen musiziert, ist es viel wichtiger, zu hören, als spielen zu können.“ Bezeichnenderweise hat Claudio Abbado, der Diplome in Klavier, Komposition und Dirigieren vorweisen konnte, eine Zeit lang in Parma Kammermusik unterrichtet, also jenes Aufeinander-Hören, das in kleinen Ensembles unabdingbar ist. In den Jugendorchestern, die er später gegründet hat und die er leitete – dem Europäischen Jugendorchester, dem inzwischen professionellen Chamber Orchestra of Europe, dem Gustav-Mahler-Jugendorchester und dem 2003 gegründeten Orchestra Mozart – hat er diese Konzeption des hörenden Spielens auch dem Nachwuchs nahebringen können.

Claudio Abbados Dirigieren ging darauf aus, die autoritären Momente dieses Tuns zu brechen. Man sah es schon seinem Auftritt an, der auch in jüngeren Jahren frei von jener vorgeführten Fitness war, die dem Publikum eine große Show versprach. Die Kritik am traditionellen Charakter des Dirigenten schloss das Handwerk, die sogenannte Schlagtechnik, nicht aus. Claudio Abbado „schlug“ jedoch nicht im herkömmlichen Sinn, seine Gestik spielte sich meist höher ab als bei den meisten Dirigenten; von dort aus wird der große, energische Schlag weitgehend unmöglich. Die zittrig schwebenden Bewegungen, die weit ins Orchester fühlenden Hände strebten danach, die Leitung in die Mitte des Klangkörpers abzugeben und tatsächlich dem Zuhören der Musiker anzuvertrauen, bestenfalls darauf aufmerksam machen, wie die Stimmen miteinander zusammenhängen, wann die Initiative von einem Instrument auf ein anderes übergeht.

Wider die Autorität

Dieses Verfahren war heikel; den Berliner Philharmonikern, die an Karajans Autorität gewöhnt waren, auch wenn sie gegen sie aufbegehrten, stand ein Umformungsprozess bevor, der zuweilen richtungslos wirkte, aber das musikalische Potenzial des Orchesters vielleicht doch erst voll entfaltete. Sein Klang wurde lebendiger, und zwar tatsächlich, wie Abbados Dirigat es suggerierte, von der Mitte her: Wohl unter keinem anderen Dirigenten hörte man je so wahrhaft selbstbewusste, frei artikulierende Mittelstimmen wie in den Aufführungen der neunten Mahler-Symphonie unter Abbado. Die Differenzierungen, die so entstanden, waren haarfein; Abbados Aufführungen konnten unzureichendem Hören zuweilen blass und schönheitstrunken erscheinen. Aber wie Abbado den Musikern nichts befahl, verschmähte er es auch, dem Publikum das Hören zu befehlen: Er lud ein, der schöne Klang war ein freundliches Entgegenkommen, die Arbeit der Wahrnehmung aber nahm er dem Publikum nicht ab.

Fremd ist dergleichen inzwischen geworden. Virtuosen dümmsten Zuschnitts triumphieren heute wieder auf allen Podien und Aufnahmen, und auch Claudio Abbados letzte Gründung, das aus Solisten und Mitgliedern der besten Orchester zusammengesetzte Lucerne Festival Orchestra, wurde als Luxusklangkörper für Luxushörer vermarktet, was den künstlerischen Absichten des Anti-Stars Abbado direkt zuwiderläuft. Die tiefste musikalische Weisheit der Gegenwart zog sich am Ende in eine Sublimierung zurück, die von der bulligen Welt nichts mehr wissen wollte. Es bleibt die Erinnerung an eine Zeit, in der man der Musik utopisches Potenzial und verändernde Kraft zutraute – für sie steht der Name Claudio Abbados wie kein anderer.